Dear Diary | Leander auf Tour II
Und es geht weiter. Leander waren auch im Januar on the road again und, wie es sich als Rockstar auf Tour natürlich gehört, wurden Bühnen gestürmt, über nicht funktionierende Technik und schlechtes Essen geschimpft, Spiele gespielt und über wirklich wichtige Dinge wie Eiszeit und Endmoräne debattiert. Wer wäre nicht gern dabei gewesen?! Auf Tour mit Leander …
17.01.2008 BERLIN
Weihnachtszeit gut überstanden. Ein neues Jahr und die Tour geht weiter. Was haben wir uns alle drauf gefreut. Am 17.01. ist es kalt und regnet in Berlin. Kurz nach drei der schreckliche Anruf: Bassist und Gitarrist von Microstern liegen mit Grippe im Bett und müssen das Konzert absagen. Was tun? Überlegen, rätseln, diskutieren, beraten, sich gegenseitig anbrüllen – und sich für Fall Joelle und Supershirt entscheiden. Melancholie meets Pop meets Raveparty. Klappt auch alles. Passt auch alles in den Twingo. Irgendwie und mehrmals. Es gibt Visuals und neue T-Shirts – endlich endlich und von Lars wunderschön und formvollendet in einer Nacht-und-Nebel-Aktion entworfen.
Das Konzert ist für uns eher mäßig, draußen wohl aber gut. Berlin ist eben Berlin. Supershirt feiern dafür so richtig ab. Auf der Bühne und danach.
19.01.2008 CHEMNITZ
Wir wären sehr an einem Ausstattervertrag mit gewissen großen Elektromärkten interessiert. Eigentlich gehen wir für jedes Konzert vorher noch irgendetwas nachkaufen. Entweder sind es kaputte oder verlorene/gestohlene/vergessene Kabel, die ersetzt werden müssen. Oder eben größeres, wie dieses Mal: ein Beutel mit Mischpult, Kopfhörer, Verzerrer und diversen Kabeln in unauffindbar (und bleibt auch wirklich verschollen). Mengenrabatte wären gut. Ein großer Koffer aber auch.
Zu Gast im Bus: Bastian alias Fall.Joelle, der den heutigen Abend eröffnen und frenetisch umjubelt werden wird. Im Februar folgen Aufnahmen, munkelt man. Dann wir. Begleitet von einem Regen aus Gummibären, geworfen von verständlicherweise enttäuschten Punks, die – so wird uns versichert – nicht aus Chemnitz stammen. Später gehen auch Flaschen zu Bruch, Lars ruft noch nach Randale und dann geht alles ganz schnell. Ein Mob vor der Bühne, Angst um das Equipment, einfach weiterspielen, Wortgefechte, gleich der laute Endpart von Four Days, eingekesselte Auswärtige, unser Inferno bricht los und Menschen werden davongetragen. — Applaus Applaus.
Wie kommt man da noch drüber? Once We Were aus Göteborg schaffen es. Zum Nachtisch “Einsiedler” und Tischtennis. Letzteres in Zukunft dann Bestandteil unseres Riders. SV Leander!
20.01.2008 LEIPZIG
Frühstück und spielen mit Hunden. Ein kleiner Junge baut aus Holzresten eine Burg und kämpft gegen Drachen und andere Ungeheuer. Wehe jemand betritt das Schiff.
Über Bundesstraßen dann nach Leipzig. Viel zu früh oder gestern zu lang. Wir brauchen eine Weile, um mit Blind Terry aus Stockholm warm zu werden. Dafür geht das mit Patrick von Palestar bzw. A Heart Is An Airport, der heute veranstaltet, umso besser. Der Soundcheck zieht sich hin, die Bühne ist ziemlich klein und draußen bildet sich schon eine lange Schlange. Nach einer Stunde ist das Panam ausverkauft. Restlos. Wir fangen an. Und vielleicht sind wir zu überambitioniert, vielleicht hätte ich auch nicht auf unser Mischpult treten sollen, jedenfalls fällt das Click im Kopfhörer jetzt gegen Ende des Sets ständig aus. Entsprechendes Chaos. Fällt aber wohl mal wieder niemandem unangenehm auf.
Dann Blind Terry mit toller Popmusik und irgendwie zu sechst auf dieser winzigen Bühne. Samt Stagepiano und Trompete. Dafür sind unsere T-Shirts schöner. Behaupte ich jetzt mal. Björn und Daniel stürzen an der Bar ab und philosophieren über Musikerinnen aus Schweden, Myspace als musikalischer Bestandteil einer Bar und entdecken einen Cocktail, der erfrischend scheiße schmeckt. Wir schlafen wieder bei Micha und Lynn, aber erst nach Nudeln mit Tomatensoße – vielen Dank, es war uns eine Freude.
23.01.2008 BIELEFELD
Nach zwei freien Tagen (diesmal waren wir in richtigen Musikläden) und ohne Gast im Bus nach Bielefeld in den Falkendom zu André. Doch vorher Naturschauspiel par excellence. Wir fahren zu den Externsteinen nach Detmold. Nie davon gehört, vorher kurz gesehen und gestaunt. Jetzt in echt. Unglaublich. Wir diskutieren über Endmoränen und Eiszeit.
Der Empfang im Falkendom ist wie immer herzlich, wir spielen auf der großen Bühne. Mit tollem Catering und Gesprächen über Hardcore. Der angekündigte Moshpit scheint verhindert, dafür kommt der lustige Kollege Wackelkontakt wieder von irgendwoher. Wer lädt den immer ein? Geht dann aber überraschend gut bei Four Days ganz ohne Click. Sagt Robert und der Rest fühlt es auch. Wir hegen den Verdacht, dass das neu erworbene Mischpult seinen Geist aufgegeben hat – wir sollten bald darin bestätigt werden.
Wir ernten Lob und spielen unsere geliebte Zugabe, dann löst sich alles sehr schnell auf und wir ziehen mit André in die Bandwohnung des Kamp um. Laptop-Party, Grafikdesign, Computerspiele und Musik. Virginia Jetzt! haben recht und wir kommen (sehr gern) wieder. Sehr bald.
24.01.2008 EINDHOVEN
Leander waren schon einmal in Eindhoven, doch für Björn und Robert ist es das erste Mal. Manche Ecken erinnern an London, nur dass es hier nirgendwo Zigaretten zu kaufen gibt. Dafür sind Kabel billiger als in Deutschland – der Media Markt ist eine Fundgrube. Wir kaufen sogar Schnickschnack. Auf dem Weg zurück zum Club, weit hinter uns ein Typ der immer wieder “Homo” ruft. Uns kann er damit schlecht meinen, wir sind eine Rockband – The Black Vampires, neben The Beast nun unser zweites Steckenpferd. Für alle, die kein niederländisch können: Es heisst das gleiche wie bei uns – Homo Sapiens Sapiens.
Das Temporary Art Center (TAC) ist ein großes Kulturzentrum mit 80 Ateliers und großen Hallen für Ausstellungen und Konzerte. Der Soundcheck dauert unglaublich lange. Oder vielmehr das Aufbauen davor. Und wir merken, dass wir am Rider noch ein paar Sachen verbessern müssen. Technik und Catering sind ja neben Staus und einem selbst die Dinge, über die man sich auf Tour am meisten ärgert. Trotz allem wird das heute die expressivste Show bisher, so dass wir nach der Zugabe noch einen ganz neuen, unfertigen Song spielen. Das Publikum weiß das zu schätzen.
25.01.2008 HAMBURG
Die Fahrt nach Hamburg ist weit. Und das Frühstück in Eindhoven trocken. Wir haben die Nacht im Backstageraum verbracht. Mit Gummimatratzen, Piano und Chips. Kaffee gibt’s am Automaten – aber kostenlos. Wir packen alles ess- und trinkbare als Reiseproviant ein. Müsliriegel, Orangensaft, Milch. Abschied von Holland und keine unerwartete Personenkontrolle an der deutschen Grenze. Endlich wieder schnell fahren.
Um fünf kommen wir in Hamburg an. Wir denken zu spät, sind aber genau richtig. So müssen wir jetzt nur noch 4 Stunden auf den Soundcheck warten. Die Prinzenbar entschädigt uns – eine wundervolle Location. Noch schöner ist es, sie mit unseren Freunden von Jenana zu teilen. Phon°noir verspätet sich, da die Züge aus Berlin einen Umweg fahren müssen. Feuerinferno auf den Gleisen. Damit muss auch Lisa kämpfen, die zu uns aus Berlin kommt, um uns zu sehen und zu begleiten, den Abend und die nächsten Tage.
Unser Soundcheck beginnt als die ersten Gäste bereits da sind. Und nun ist es endgültig. Unser Mischpult hat seinen Geist aufgegeben. Ein Wackelkontakt – wahrscheinlich verursacht durch wackelige Kontakte, wie das eben immer so ist. Da müssen wir heute durch.
Phononoir erscheint gerade richtig zu seiner Showtime. Geht auf die Bühne, soundchecked und spielt zugleich. Wir sind begeistert. Wundervoll. Danach wir. Ein verkürztes Set, unsere Hits und alles ohne oder mit nur leisem Click. Wiedereinmal scheint es den Leuten nicht aufzufallen. Liegt vielleicht auch an der Vorfreude auf Jenana die an diesem Abend den ausverkauften Club zum Kochen bringen. Ein Fest.
26.01.2008 Cottbus
Am nächsten Morgen gibt es kein Frühstück in der Bandwohnung des Molotow, in der wir untergebracht sind. Die Küche scheint abgeschlossen. Ist es überhaupt die Küche? Robert geht Brötchen und Zubehör kaufen. Allerdings finden wir keine Messer. Also geht es los; der Plan ist an der nächsten Raststätte noch Kaffee zu kaufen und ein Messer zu klauen. Endlich Frühstück.
Ein bisschen wehmütig sind wir alle auf der Autobahn. Die letzte Show bis zum Februar. Je näher wir an Cottbus sind umso enger und unscheinbarer wird die Autobahn. Wald und Sturm. Und wie zu erwarten ist Cottbus relativ trist. Menschen mit scheinbarer Perspektivlosigkeit. Keine Stadt zum Leben denken wir.
Dafür ist die Begrüßung im Chekov dann umso herzlicher. Nach langem Suchen – wir sammeln übrigens noch immer Spenden für ein mobiles Navigationssystem – finden wir die Location in einem alten Schwimmbad. Wow.
Schon während wir ausladen und einräumen wird die Tür immer wieder abgeschlossen. Man hat hier bereits schlechte Erfahrungen mit deutschen Mitbürgern machen dürfen, denen Indierock und Co. ein wenig entartet schien.
Das Essen ist fantastisch. Unsere Show auch. Wir haben leihweise ein neues Mischpult, mit dem das Click deutlicher zu hören ist als je zuvor. Nach uns dann die fantastischen Radio Borroughs mit Fall.Joelle-Bastian am Bass. Und Disko. Wieder trinken und tanzen und irgendwann der Wunsch ins Bett zu gehen. Diesmal ausschlafen – endlich.
www.itsleander.com
(bea)

















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