Ja, Panik | Interview
Ein Dezemberdonnerstag in Hamburg. Es stürmt, es regnet, es stürmt und es regnet. Die Teenie-Band Panik soll abends im Knust spielen, während unten an der sturmgepeitschten Elbe im Hafenklang die wunderbaren Ja, Panik angekündigt sind. Verschwitzt, erfroren und verspätet kam man an und wurde freundlich hinter die Bühne gebeten, wo sich schließlich Bassist Stefan Pabst sowie Sänger und Songwriter Andreas Spechtl unseren Fragen stellten.
Ihr tourt ja schon seit Erscheinen eures Albums „The Angst and the Money“ durch alle deutschsprachigen Länder und werdet noch bis März durch die Lande ziehen. Was treibt euch noch an?
Stefan: Das Geld ein bisschen. Aber nicht ausschließlich.
Andreas: Wenn uns das Geld antreiben würde, dann würden wir etwas anderes machen. Aber warum tun wir eigentlich so viel? Wir haben so eine Booking-Agentur, die uns davon überzeugt hat, dass man viel live spielen muss. Und obwohl es uns dann doch tageweise nervt, sind wir eigentlich ganz gerne auf Tour.
Stefan: Es ist eine angenehme Abwechslung, wenn man eine zeitlang nur im Studio war oder Lieder geprobt hat. Da freut man sich eigentlich, wenn die Tour ein paar Monate dauert.
Andreas: Man muss aber auch sagen: Umso länger man mit einer Platte tourt, desto anstrengender wird es. So bei den letzten Konzerten der „Taste“-Platte gab es das neue Album ja schon fast. Es ist schon weitgehend aufgenommen, du kennst die neuen Lieder, spielst sie aber noch nicht, weil du dir das noch aufheben willst… Das kann einen schon ermüden.
Auf eurem neuen Album sind die Lieder, mit Ausnahme „Blue Eyes“, sehr euphorisch und schnell geraten. Wo sind eure Depressionen hin?
Andreas: Wo die hin sind? Ist die Platte so euphorisch? Musikalisch hast du sicher recht, da geht alles sehr schnell, ein Tempo, direkt nach vorne. Im Endeffekt glaube ich, dass es dann doch nicht so brachial zugeht. Es gibt vielleicht keine arg traurigen Stellen, aber es ist schon eher eine negative Platte. Und zu „Blue Eyes“: Auf jedem unserer Alben gibt es eigentlich immer so ein Rausreißer-Lied. Beim ersten war das „Transatlantic Love Affair“, beim zweiten „Mein Lieber”. In dieser Tradition steht auch „Blue Eyes“. Es ist die Mitte der Platte, wo sich alles findet und wieder auseinander geht, wie ein ewiger Ruhepol. Und ich finde die Platte überhaupt nicht fröhlich.
Bei Betrachtung eures Manifests und der von euch propagierten Selbsteinnebelung. Kann man sich als Band nur würdig vermarkten indem man sich nicht vermarktet?
Andreas: Das ist natürlich die schwierige Sache. Ich würde gar nicht sagen, dass wir uns solchen Dingen verwehren. Wir machen ja fast alles mit und haben schließlich ein Musikvideo gedreht und unsere Platte kann man über Amazon kaufen, wir versuchen nur die Dinge ein bisschen umzustellen. Wir machen uns als Band nichts vor, dass man sich als Popmusiker, oder wie man das nennen mag, bestimmten Zwängen ausgesetzt sieht. Es ist immer eine Anforderung, aus der man sich halbwegs retten muss. Man steht oft vor so seltsamen Entscheidungen, die uns über das Ziel hinausschießen lassen. Aber sich dem komplett zu verweigern, würde ja bedeuten, dass man sagt: Ich mach kein Video, das ist mir alles zu arg. Wir machen ja Musikvideos, versuchen nur die Grenzen auszuloten.

Nach eurem kollektiven Umzug nach Berlin. Was war für euch der entscheidende Unterschied zwischen Berlin und Wien?
Stefan: Der entscheidende Unterschied ist, dass es für uns arbeitstechnisch leichter von statten geht, da sich immer schon viel in Berlin abgespielt hat während wir noch in Wien waren, was das Label angeht und andere Sachen. Damals lief das eben immer über E-Mail und Telefon. Außerdem haben wir immer schon viel mehr Konzerte in Deutschland gespielt.
Andreas: Ich wohne ja auch schon seit einem Jahr in Berlin und jetzt ist die Band eben nachgekommen. Es ist ja auch ein Experiment, so zu fünft alle Zelte abzureißen. Und wenn man das machen will, dann macht man das jetzt. In ein paar Jahren wäre das sicher nicht mehr gegangen, da hätten sich dann sicher irgendwelche privatpersönlichen Schwierigkeiten ergeben.
Welche Eigenschaft muss eine Band heute haben, damit ihr sie hasst?
Andreas: Ach, hassen… Was mich aber schon länger aufregt, ist dieser Usus, dass Bands sich kommentarlos irgendein Konzept von anno dazumal komplett überstülpen. Damit meine ich nicht nur die Musik, die haben dann die gleichen Pressefotos, Sound, Style, Cover… Und wenn im Zusammenhang mit uns so viel von Zitaten die Rede ist: Es ist ein großer Unterschied, ob man sich einem großen Fundus verschiedenster Dinge bedient oder sich vornimmt, auszusehen wie die Ramones, zu klingen wie die Ramones und eigentlich gerne die Ramones wäre. So ein lächerlicher Abklatsch.
Stefan: Es ist eben unfassbar langweilig, weil es einfach eine Wiederholung dessen ist, was in den Siebzigern oder wann auch immer stattfand. Auf dem technischen Stand von heute, mit vielleicht ein bisschen Elektronik drunter.
Also meint ihr, dass das kein reines Fantum ist, sondern alles durchgeplant?
Stefan: Na, ich weiß gar nicht, ob das von den Bands selber so durchgeplant ist oder ob das Leute gibt, die glauben zu wissen, welche Band wo hingestellt gehört.
Andreas: Ich unterstelle denen schon Kalkül, von welcher Seite auch immer.
Fühlt ihr euch denn noch wohl in eurer Nische oder strebt ihr nach Höherem?
Stefan: Wir fühlen uns eigentlich noch ganz wohl in dem Sumpf, in dem wir uns bewegen.
Andreas: Das ist einfach so und wir lassen das auf uns zukommen. Wir sind ja Gott sei Dank in einer Lage, in der wir die Dinge ganz gut lenken können.
Also habt ihr als Band keine Angst vor der Zukunft?
Andreas: Vor der Zukunft als Band nicht, vor der Zukunft schon.
Und warum ist die Angst generell so wichtig für euch? Oder ist sie das überhaupt? Ist sie existent in eurem täglichen Leben, ist sie überhaupt existent auf der Platte?
Andreas: Auf der Platte bestimmt. Das was du vorher fröhlich oder so genannt hast, ist für mich eher gehetzt. Eine Platte, die auf der Flucht ist. Es ist aber immer sehr viel Angst existent. Es gibt nur wenig und Angst. Die Band zum Beispiel und noch ein paar andere kleine Freuden. Das Album findet ja aber doch noch ein versöhnliches Ende mit dem ganzen Angst-Thema und dann ist das auch okay für mich.
Mir wurde von Leuten, die die Platte kennen, erzählt, dass sie sie viel zum Aufstehen hören. Weil sie keine so eine nächtliche Platte ist, wie vielleicht das erste oder besonders das zweite Album…
Andreas: Das finde ich interessant, dass du das sagst. Bei den ersten beiden Alben habe ich die Texte fast immer abends, nachts geschrieben, bei der neuen Platte fast immer vormittags, so um 14 Uhr war es spätestens aus.
War der Entstehungsprozess der Platte denn eher kürzer oder länger als bei den Vorgängeralben?
Andreas: Es war schon viel intensiver. Die Arbeit war komprimiert im Endeffekt nicht viel kürzer, aber das Musikalische beispielsweise haben wir in ein paar Monaten alles geschrieben…
Also habt ihr erst die Musik entwickelt und dann hast du die Texte drüber geschrieben?
Andreas: Ja, genau. Ich hatte anfangs nur eine Melodie oder einen Satz, eine ungefähre Ahnung und dann haben wir erst mal Demos aufgenommen, in denen ein Satz uroft wiederholt wird oder auf denen ganz andere Texte teilweise drauf sind. Oder zum Beispiel bei dem und dem Lied auf der Platte hatte eine anderes Lied auch schon den Text. Und dann habe ich mich zwei Wochen hingesetzt und wirklich täglich die Texte dazu geschrieben, meistens eher morgens halt.
Andreas: Aber uns interessiert schon, was die Leute sich dabei denken. Es ist immer spannend, sich das anzuhören.
Im Zuge des jetzigen Albums covert ihr ja John Cale und auf dem zweiten Album Lou Reed. Keine Lust auf etwas Zeitgenössisches? Lady Gaga?
Stefan: Und noch ein paar weitere Stücke aus dem Chartpop-Bereich. „Jungle Drum“ ist auch dabei, dieses Runkadunkatunktunk… Wir müssen das auch noch einstudieren, dieses „Pokerface“ habe ich jetzt gar nicht im Kopf.
Andreas: Po-Po-Po-Pokerface oder so ähnlich geht das.
Stefan: Stimmt, eigentlich eine ganz coole Nummer. Und wären wir wirklich so verkopft würden wir uns das nicht antun und uns so zum Kasper machen, glaube ich.
War euer Tanzvideo zu „Pardon“ eine Reaktion auf euer sperriges Manifest-Video?
Andreas: Zurechtrücken ist glaube ich das falsche Wort, wir wollten noch einmal komplett in die andere Richtung ausfahren um komplette Verwirrung zu stiften.
Und ist das Video eine Parodie oder eine Hommage an Jochen Distelmeyer?
Andreas: Das ist uns einfach so passiert, vielleicht die selbe Produktionsfirma die uns veroarscht.
Stefan: Die haben uns so ein Drehbuch vorgelegt und wir haben das nachgetanzt. Wir haben aber mittlerweile herausgefunden, dass es das schon gibt. Da haben die uns vielleicht versehentlich ein altes Drehbuch zukommen lassen.
Was ist braun und fliegt durch den Wald?
Stefan: So ein Tannenzapfen.
Andreas: Ein Spatz, irgendein Vogel..
Ich dachte eher an ein ferngesteuertes Schnitzel…
Schließlich legten Ja, Panik dann noch etwas später am Abend mit großer Leidenschaft alles in Schutt und Asche, ihr Auftritt war unverfälscht, roh, künstlich, verzweifelt und vor allem unbeschreiblich schön. Cherie, Je suis Perdu!
(thadeus)




















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