Immergut 2009 | Review
Das Immergut wurde 10 und wir feierten mit ihm dieses schöne Jubiläum. Die Bands waren ganz nach dem Wunsch des Geburtstagskinds und so kam auch fast nur auf die Bühne, was sich dort in 10-jähriger Tradition schon mindestens einmal bewährt hatte, mit Ausnahmen natürlich.
Wie bei jedem Festival schafft man es natürlich nicht jede Band zu sehen, denn die Geselligkeit und das “Alte Freunde Treffen” muss ja schließlich auch bedient werden. Nichtsdestotrotz haben wir sämtliche Kabelblumeressourcen aktiviert um ein so vollständiges Bild wie möglich schaffen zu können (deshalb auch die kleine Zeitverzögerung, bis immer alles von jedem an Ort und Stelle ist, das dauert…Aber was lange währt, wird endlich gut! Sagt das Sprichwort.) Also lest selbst, was oder wer uns bewegt, gefallen, gelangweilt, genervt, zum Weinen, zum Lachen, zum Tanzen und zum Singen gebracht hat und erinnert euch mit uns an das 10. (aber hoffentlich nicht letzte) Immergut Festival.
Der Tourbus einer bekannten Energiegetränkemarke war die größte Neuerung in diesem Jahr auf dem Immergut. Dort traten noch bevor die Tore offiziell am Freitag öffneten erst A Golden Pony Boy und danach Kate Mosh auf. Das Dach des Busses war mit einer kleinen, aber feinen Bühne ausgestattet. Der Sound war trotzdem nicht zu verachten, nur das Interesse und die Anteilnahme der Zuschauer hätte noch besser sein können. A Golden Pony Boy waren also die ersten und dass sie diese Ehre auch verdienten, zeigte sich recht schnell. Ihre Mischung aus Pop und Rock kam an und auch wenn die Meisten die Band vermutlich nicht kannten, wurde brav geklatscht und viele machten sogar den Spaß mit dem Mitsingen mit.
Es folgten die alten und doch neuen Hasen von Kate Mosh. Thom Kastning rockte den Bus mit neuer Backbesetzung und gab alles, was seine Lunge hergab. Es war toll irgendwie und doch befremdlich, denn man hörte ja vor Kurzem noch, dass sich die Band aufgelöst hat. Nach diesem Auftritt kann man nur noch mehr hoffen, das sich Herr Kastning das nochmal ganz stark überlegt. Bitte!?
Virginia Jetzt! haben schon immer Schlager gemacht, so auch bei diesem Auftritt. Zwei neue Lieder erblickten das Licht der Welt und ansonsten wurde zu Altbekanntem geschunkelt, getanzt, geklatscht und gegröhlt. Festzustellen bleibt außerdem, dass der dicke Nino gar nicht mehr dick ist und dass unser Lieblingsemo im Indieschlagerzirkus Angelo inzwischen Papi ist. Nicht schlecht! Virginia Jetzt! haben also wirklich was zustande gebracht in den letzten Jahren. Schön, dass das alles beim 10. Immergut-Geburtstag dann wieder zusammen kam. Freunde, Familie und Erinnerungen an die Indiejugend und eben dieses Festivalgefühl, dass man alle ringsherum umarmen möchte, weil alle emotional scheinbar auf ähnlichen Pfaden wandeln wie man selbst, während man der Musik, den Bands oder den Songs seines Vertrauens lauschen darf.
Polarkreis 18, die amtlichen Lieblingsdresdner und der wohl umstrittenste Festivalact dieses Jahres, kamen im inzwischen altbekannten weißen (tja, weiß ist nun mal “the colour of snow”!) Outfit auf die Bühne und lieferten ihre typische Show ab. Nachdem Felix Räuber noch mit dem gemeinen Festivalvolk im Bummerlzug angereist war, machte ich mir Hoffnungen auf eine casual show, doch nix wars. Als Chartbreaker muss man anscheinend seine Auflagen auch zu Geburtstagen erfüllen…Trotzdem, das allgemeine Polarkreis-bashing, bei den ach so kuhlen Indiepeoples ja weit verbreitet, ist hier und jetzt nicht angesagt. Die Melodien der Band können zu weiten Teilen doch immer noch überzeugen, nur ein bisschen weniger Pathos und Getue und dafür ein bisschen mehr aufrichtiges Musikertum wäre auch an diesem Abend wünschenswert gewesen.
Bodi Bill waren da ganz anders. Kein Getue, kein Gepose. Naja, vielleicht ein bisschen. Aber was soll man auch machen zu den elektronischen Klängen dieser drei so sympathischen “Hampelmänner”? Wie ihr Name schon richtig andeutet, bedeuten ihre Konzerte immer körperliche Ertüchtigung – und zwar in tanzender Form. Für mich bereits mein insgesamt 9. Bodi Bill Konzert und trotzdem schaffen sie es immernoch, mich zu überaschen. Sie erfinden sich ständig neu, remixen sich selbst, sodass jeder Songausgang eine andere Wende als die bisher bekannte nehmen kann. So auch auf dem immergut. Sie wollten tanzen und das Immergut auch! Nur etwas zu leise, aber man wird ja auch nicht jünger mit dem Alter.
The Whitest Boy Alive schlossen nach Bodi Bill an und mussten nach vorher gemachten Konzerterlebnissen für mich ganz schön reinhauen. Doch glücklicherweise war ich mit The Whitest Boy Alive live-Frischlingen unterwegs, die sich einfach nur freuten. Klar, Erlend ist und bleibt The Kuhlest Norweger Alive und auch der charismatischste, auch die Songs sind immer noch große Klasse, aber live fehlt der Pepp. Das ist mir alles zu perfekt, es knarzt zu wenig und der Bumms kommt nicht. Trotzdem haben The Whitest Boy Alive ein amtliches Konzert abgeliefert, die Menschen zum Tanzen gebracht und unzählige freudige Gesichter in meine Umgebung gezaubert.
Unverständnis über den Beschluss Die Sterne ins Zelt zu verlagern, wich nur bei denjenigen, die es noch in das Zelt geschafft haben. Der Rest musste leider in der Kälte draußen stehen und verlor mehr oder weniger schnell den Anreiz dort einfach herumzustehen. Drinnen aber ging die Post ab. Die Sterne schienen guter Dinge zu sein, aus der Zeltsituation das Beste zu machen. Und man sollte nicht enttäuscht werden. Forsche Texte, Aufstand, Schweiß und eine Zahnlücke. Was hat dich bloß so ruiniert, universal Tellerwäscher? Ach fick das System. Herzrasen bringt einen durch die Raucherlunge oder beschädigte Leber zum Stocken. Egal, weitermachen. Die Sterne kommen so schnell nicht wieder. Die Jacke findet auch in der hintersten Ecke noch ein Plätzchen. Zurück ins Gedränge. Alles geben, draußen wird es kalt, man muss sich warm halten. Dann, was ist das? Nach einem gefühlten 30-minütigen Auftritt ist es schon wieder vorbei. Ist das jetzt ein gutes oder schlechtes Zeichen? Egal, dann geht man eben Schnaps trinken. Und die Jacke nicht vergessen, ist ja kalt. Mit “Big In Berlin” im Ohr tribbeln schließlich diejenigen davon, die den Abend lieber mit Hamburger Schule als Pommes-Schranke-Techno ausklingen lassen wollen.
Samstag Nachmittag. Es ist ziemlich kuschelig vor der Zeltbühne, daher wird es bevorzugt, draußen zu liegen und in der Sonne zu liegen, anstatt bei gefühlten 50 Grad Celsius herumzustehen. Trotzdem füllte sich das Zelt noch mit genügend Leuten, um sich über Schnapsleichen aufregen zu können, die alle zwei Minuten “Ausziehen” gen Bühne riefen. Darüber hinwegzusehen fiel zwar nicht leicht, war aber durchaus anzuraten.
Denn die hübschen Schweden von Hello Saferide wussten die Anwesenden durchaus zu verzücken. Ausgefeilte Popsongs mit Geschichten, wo etwas dahinter steht, luden zum Hören, Schmunzeln oder auch Schniefen ein. Wie bei “Anna”, der ungeborene Tochter der Sängerin, weil ihr Freund ein Idiot ist. Oder “The Quiz”, ein traditioneller Song über Vertrauen und Liebe. Die Neugier bei vielen über diese Band schlug oftmals in Begeisterung um. “Traumhaft” wird am Ende resümiert. Da muss ich der Person auch Recht geben. Froh bin ich und sind sicher auch alle anderen Zuhörer, dass es Hello Saferide noch ins beschauliche Neustrelitz geschafft haben. Und etwas Heimatverbundenheit haben sie sicherlich bei dem vielen Grün auch gespürt; so saß die Band Sontnag früh noch bis zu den ersten Sonnenstrahlen auf der immerguten Wiese, lachte und tanzte.
Friska Viljor. Der Auftritt von Friska Viljor 2007 auf dem Immergut gehört wohl zu den legendärsten in der 10jährigen Geschichte unseres Lieblingsfestivals. Der damalige unvergessliche Zeltauftritt war für die Band, wie auch für das Publikum, so ein unerwarteter und überwältigender Glücksmoment, dass beide Seiten noch heute vom besten Konzert ihres Lebens schwärmen. Und gleichzeitig war dieser Moment wiederum typisch für das Immergut, welches eine eigene Intuition entwickelt hat, solche Indie-Perlen immer wieder aus den Untiefen des musikalischen Ozeans zu fischen. So war es nur mehr als logisch, dass die Schweden dieses Jahr wieder kommen durften um zu gratulieren. Diesmal standesgemäß auf der großen Bühne und mit noch mehr Verstärkung. Ich muss sagen, es war nicht so wie 2007. Es war ein anderes Konzert wie damals. Es war wie Freunde wieder zu sehen, mit ihnen zu lachen, zu scherzen und natürlich lauthals zu singen. Danke Immergut, danke Friska Viljor. Schön wars!
Oft genug habe ich diese Band gehört und lange hab ich mir gewünscht, sie endlich mal zu sehen. Beim Immergut war es dann endlich so weit. Samba auf der Bühne und ich davor und es war so, wie ich es mir vorgestellt habe: einfach nur schön. Die leichten Popmelodien gepaart mit den tiefen Texten passten perfekt in meine vorabendliche Festivalstimmung. Geboten hat die Band ein schönes Potpourri aus den letzten paar Alben. Das Einzige was mich ein wenig gewundert hat, ist, dass es so wenig Ansagen zwischendurch gab. Die familiäre Stimmung im Zelt hätte es auf jeden Fall her gegeben.
Jeans Team gehörte eher zu den Enttäuschungen des Festivals. Die gute Laune wollte nicht so recht aufkommen, weder auf der Bühne, wo aufgesetztes Technogehampel und unmotivierter Sprechgesang vorgetragen wurde, noch im Publikum, wo höchtens mal das eine Bein im Takt mitbewegt wurde. Das Zelt leerte sich so auch während des Auftritts spürbar, wohl auch in der Hoffnung, dass die Vorzeige-Hamburger von Kettcar recht bald die große Bühne betreten würden.
Kettcar. Grand Hotel van Cleef die Zweite! Kettcar haben die Nacht gerettet. Nach Eisblock-Thees endlich die gebührenden Worte für Kemper und das Immergut. Zitat des Abends: “Ok jetzt lass uns lieber wieder den alten Scheiß spielen“. Jugenderinnerungen, Hamburger Träume. “Balu” am Ende war so schön.
Es lag Endzeitstimmung in der Luft. Nicht nur das Festival neigte sich dem Ende entgegen, sondern auch die Gewissheit über den finalen Bühnenauftritt von Pale ließen dem einen oder anderen einen dicken Kloß im Hals stecken. So auch Sänger Holger Kochs. Nach dem letzten Song wird es Pale nicht mehr geben. Doch auch the last show must go on. Alle Hits, die Pale jemals hervorgebracht haben, erhitzten die Gemüter des aufgewühlten Publikums. Hier und da wurde sich ans Herz gefasst. Der Applaus war überwältigend. Das komplett überfüllte Zelt ehrte die letzte Stunde einer Band, die dem Immergut von Anfang an treu war. Dort entstanden Freundschaften. Eine Familie. Sich von einer Familie zu trennen ist niemals einfach, selbst wenn es nur für eine gewisse Zeit sein sollte. “Goodbye Trouble” ist ein paradoxer Endtitel, bei dem die Bühne von eben dieser Familie und anderen Freunden gestürmt wird um Pale nach 15 Jahren Musikgeschichte mit Jubel und viel Konfetti zu verabschieden. Goodbye Pale.
Das I-Tüpfelchen auf dem Festival kam zum Schluss. Ganz nach dem Motto “Save the Best for Last” ließ das Immergutteam die Schweden von The Soundtrack of Our Lives als letztes in die Neustrelitzarena einlaufen. Jeder, der zu dem Zeitpunkt noch Musik hören und sich auf den Beinen halten konnte, wurde belohnt. Die Show der alten Herren war fantastisch. Es wurde nichts ausgelassen, kein Hit, kein Rockmove und auch das Highlight von 2002 wurde nicht ausgelassen. Auch dieses Mal bat die Band kurz vor Schluss das Publikum sich hinzusetzen, nur damit dann alle, kurze Zeit später, wieder aufsprangen und ekstatisch tanzten. Unglaublich schön.
Immergut Festival 2009, wir danken dir für die Bands und wir danken dir für die letzten Jahre, die du uns immer wieder in die alte Heimat bewegen konntest. Wir hoffen auf viele kommenden Jahre. Wir werden uns wiedersehen!
Das Kabelblume-Team
immergutrocken.de
myspace.com/immergut
(apfelzimt)

















Kommentar verfassen