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Anti G8 Proteste – Ein persönlicher Erlebnisbericht

anti_g81.jpgFür mich hieß es vor ein paar Tagen wie für viele andere AktivistInnen aus aller Welt auch: Rucksack packen und auf nach Heiligendamm! Den G8 Gipfel stören und am besten blockieren. Aber vor allem den Regierungschefs der acht führenden Industrienationen zeigen, dass ihre weltweite Politik der Ausbeutung, Unterdrückung und Ausgrenzung nicht länger toleriert werden darf und eine bessere Welt nicht unmöglich ist.

Um dem vielseitigen Protest vor Ort eine geeignete Infrastruktur zu geben, wurden schon Wochen vor den eigentlichen Gipfeltagen an drei strategisch wichtigen Punkten um Heiligendamm und den `magischen Zaun` Camps für GegendemonstrantInnen errichtet. Das Camp in Reddelich sollte dabei mein Nachtlager für die kommenden Tage werden.

Schon auf der Autofahrt zum Camp war ich total gespannt was mich in den nächsten Tagen erwarten würde. Wie würde das Camp aussehen? Wie würden sich die vielen verschiedenen internationalen Leute dort organisieren bzw. verständigen? Und vor allem war es wirklich möglich den G8-Gipfel trotz einer regelrechten Armee von 16 000 PolizistInnen, die zum Schutz des Gipfels aus allen Bundesländern an die Ostsee beordert wurden, ernsthaft zu stören? Aber dazu später mehr.

Als meine beiden Mitreisenden und ich endlich das Camp erreichten, standen wir zunächst einer Art Grenzposten gegenüber. Überall liefen Menschen herum und dirigierten die vielen ankommenden Autos auf die anliegenden Parkplätze. Auf der anderen Straßenseite konnte ich eine Musikbühne erkennen vor der schon ordentlich gerockt wurde. Auf einem großen Schild stand in Deutsch und Englisch: „Achtung sie verlassen jetzt die Bundesrepublik Deutschland“. Mit einem Schmunzeln auf den Lippen übertrat ich die `Grenze`. Das Camp dahinter war riesig, viel größer als ich es erwartet hatte. Also 5000 Menschen waren bestimmt schon dort und der Strom von ankommenden Backpackern sollte diesen Abend auch nicht mehr so richtig abreißen.

Als wir eine erste Runde über den Zeltplatz gemacht hatten suchten wir zunächst den zentralen `Action Info Point` auf um uns erstmal einen Überblick zu verschaffen und Informationen zu erhalten. Der Info Point war ein regelrechter Ameisenhaufen. Überall standen Leute an den zahlreichen Pinnwänden und studierten die News der Proteste, lasen Zeitungsartikel, unterhielten, suchten und fanden sich. Gleich neben dem Info Point ragte ein riesiges Zirkuszelt in den Himmel. Auf einer selbst gemalten Karte des Zeltplatzes war dieses als großes Plenum Zelt ausgewiesen.

Das Camp an sich war absolut genial, wenn man sich klarmacht, dass alles außer den Dixies selbst aus Holz gebaut wurde. Es gab abenteuerliche Duschen, einen richtigen Wachturm um Angriffe der Polizei auf das Camp frühzeitig zu erkennen, eine Bar, Bänke und Tische. Die Menschen im Camp kamen aus allen möglichen Ländern und politischen Hintergründen. Von Anarchisten bis zur Grünen Jugend war alles dabei. Überall im Camp konnte man abends kleine oder größere Gruppen von Menschen im Kreis stehen sehen, die plenierten und Pläne für den kommenden Tag schmiedeten.

Gerade diese Heterogenität der Bewegung machte auf mich einen besonderen Eindruck. Eine kleine Anekdote dazu: Auf dem Campgelände gab es eine Fleischerei, die unter dem Motto: „Revolution am Ostseestrand, wir grillen für den Widerstand“ Wurst und Steaks an die hungrigen AktivistInnen verkaufte. Einige Tage später wurde ein Transparent von Menschen aus dem Camp in der Nähe aufgehängt auf dem zu lesen war: „Grillen für den Widerstand? Befreiung hört nicht beim Menschen auf! Meat is Murder!“. Trotz dieser großen ideologischen Unterschiede kam es zu keinen Auseinandersetzungen, denn alle waren mit einem gemeinsamen Ziel hier, nämlich den G8-Gipfel zu verhindern.

Zu den eigentlichen Protestaktionen, die in den nächsten Tagen folgten, möchte ich hier gar nicht soviel schreiben, denn sicher habt ihr das alles schon in den Medien verfolgen können. Außerdem gab es ja so viele verschiedene Sachen, dass das hier zu weit führen würde. Ich möchte euch eher noch etwas über Stimmung der Proteste erzählen, wie ich sie wahrgenommen habe.

Es war schon eine surreale Szenerie die sich mir während der Gipfeltage bot. Eine ununterbrochen (ehrlich 24h!!) kreisende Armada von Hubschraubern, überall martialisch aufgestellte PolizistInnen, Hunde– und Pferdestaffeln, ständige Personenkontrollen und vereinzelt auf Feld und Wiese platzierte Bundeswehr Panzer ließen mir des Öfteren schon ein flaues Gefühl im Magen zurück. Stand man dann auch noch in einer der vielen weitaus friedlichen Blockaden und wurde dann brutal mit bis zu 9!! Wasserwerfern von der Polizei geräumt, so ist die Bezeichnung des Polizeistaats gar nicht weit hergeholt.

Doch es gab natürlich nicht nur Negatives. Was mich am meisten an den Protesten beeindruckte war die Stimmung im Camp, auf den Blockaden und die Solidarität unter der den Menschen. Da wurden spontan Autoshuttles gebildet um verletzte oder müde Leute von den Blockaden wieder zurück zum Camp zu bringen. Ein dickes Lob an die Vokü, die super leckeres Essen über unmenschliche Wege zu den Blockaden transportierte und so uns alle ernährte. Was mich auch freudig überraschte war, dass ich viele Menschen aus der Uni oder dem Freundeskreis während der Proteste getroffen habe, denen ich vorher kein großes politisches Engagement attestiert hätte. Das war echt toll. Ein anderer wichtiger Punkt war die internationale Vernetzung. Es war schon ein besonderes Gefühl sich mit AktivistInnen aus Spanien, Frankreich, Italien oder auch Griechenland gemeinsam den Herrschenden entgegen zu stellen.

Abschließend waren die Proteste ja auch in Hinblick auf die Blockaden durchaus erfolgreich. Heiligendamm war zeitweise auf dem Landweg komplett abgeschnitten. Die Polizei war zudem total überfordert damit die Menschenmassen durch Wälder und über Felder hinweg unter Kontrolle zu halten. Das hätte ich vorher so nicht unbedingt erwartet. Aber es war natürlich sehr erfreulich mit anzusehen.

In diesem Sinne, bis nächstes Jahr in Japan…

See you on the barricades


(skywalker)

  • Keine(r)
  • 8 Kommentare

    1. Ein sehr schön geschriebener Bericht. Er bestätigt nicht nur die in den Medien veröffentlichten Dinge sondern zeigt auch, was weiter hinter den Blockaden los war.
      Mir tun nur die Anwohner aus Heiligendamm leid. Es wurde ja doch so einiges demoliert. ;)

    2. mir tun die bauern leid deren felder zertrampelt wurden. ohne quatsch – wer kommt für diese schäden auf?

    3. schöner bericht, aber heiligendamm kann beruhigt sein, da war ja kein demonstrant hingekommen…

    4. naja dann eben die orte in der nähe dort. ach menno ihr habt sicher tv geguckt. ;)

    5. die bauern sind die berufsgruppe, die am meißten subventioniert wird in deutschland… die haben keinen grund rumzuheulen… außerdem wurden keine kompletten felder von tausenden hektar “plattgewalzt”, das waren breitere wege die dort entstanden sind… alles nur übertriebene stress-mache!

    6. ich fand die clowns im tv ja witzig und die anti-eskalations polizisten, die sich haben anmalen lassen :D

    7. Hallo Leute, hat jemand von Euch ein Foto von dem “Meat Is Murder”-Protestbanner oder weiß, wo ich es bekommen könnte? Ich hab gehört es soll einen TV-Beitrag gegeben haben, bei dem die Sache thematisiert wurde, also der Fakt, dass dort ein Fleischer auf dem Campgelände ansässig war und der seine Angst vor sogenannten “Vegananarchisten” schilderte – habt ihr das irgendwo gesehen oder wisst, wo es gesendet wurde? Dank Euch, beste Grüße, el Muchacho

    8. Hab zwar kein Foto!
      Aber der besagte Fleischer der Angst hatte, weil sein Unternehmen, welches genau an ein Camp grenzte und mit einem Schwein mit Messer und Gabel im Rücken wirbt, hat sich im Endeffekt ne goldene Nase verdient, weil er Bratwurst an die GipfelGegner verkauft hat! Ironie?!

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