Musiklos geht der Suizid los
Die Noten ohne Schlüssel.”Guten Morgen, Sonnenschein. Die Welt sagt Hallo”. Alles, bloß nicht das sollte man zu mir kurz nach dem Erwachen sagen. Ich möchte dem Vakuum, in dem ich die letzten 8 Stunden gewesen bin, nicht allzu hart entrissen werden. Will heißen, Mund zu, Fernseher aus und bitte, bitte lass das mit der Musik stecken. “Ohne Musik aufstehen?!?” höre ich da rufen. “Damit könnte ich nicht leben!”
Genausowenig könnte dieser Schreihals beim Cornflakes in die Schüssel schütten, Zähneputzen oder Klettverschlussschuhe zumachen nicht ohne Musik leben. Noch weniger beim Einkaufstüten ins Auto tragen, Pullover suchen, respektive Wäsche waschen. Na und schon gar nicht beim Fernseher reparieren, Bier entdeckeln beziehungsweise Einschlafen. Nicht, dass ich nicht auch finde, mein Leben hätte einen Soundtrack verdient, aber dieser stetig betont – nahende Suizid beim Ausfallen der Mp3 Player Batterien bietet doch gewissen Anlass zur Sorge.
Schliesslich ist ein Streik der Batterienindustrie nie abzusehen und das hätte dann tatsächlich infernale Ausmaße, betrachtet man all diese instabilen Persönchen. Begibt man sich mal in die Szenerie dieser Eventualität, würde das heißen, dass nur ein paar Tage Protest des Duracellmännchens ein wahres Massaker auf den Straßen stattfinden lassen und die Populationsdichte hier in Deutschland um einiges verringern würde. Wenn es dann irgendwann aufhört Blut zu regnen, würden die Übriggebliebenen vermutlich aus ihren Häusern getappert kommen, um sich umzuschauen, wer das denn nun alles überlebt hat. Diese Spezies von Restlebenden kann man dann in zwei Kategorien einteilen.
Auf der einen Seite, die Gattung, denen Musik einfach leichter Beigeschmack einer Party, ein Lückenfüller beim Kartoffel schälen oder Auto fahren ist. Sie hassen Musik nicht, das macht niemand, sie haben gar keine Beziehung zu ihr. Diese starren mit unverständlicher Miene auf den Volksverlust, schütteln den Kopf und zucken mit den Schultern. Dann gehen sie zurück ins Haus, um beim Staubsaugen Cindy Laupers “Girls just wanna have fun” zu hören.
Die zweite Gruppierung, kommt auf das Geschehen gar nicht klar und macht erstmal Elliot Smith an um besser zu verarbeiten und nachzudenken. Während sich die Noten in seichte Fäden auflösen und wie Hepatitisspritzen in die Umlaufbahnen der Individuen gelangen, beruhigt sich ihr Gemüt und sie werden leichter. Warum wurden die verschont, ist jetzt die Mutter aller Fragen. Ist mir Musik doch nicht so wichtig, wie ich immer nichtsagte? Bin ich Verräter an der einzigen Materie, die wahre Aufrichtigkeit zwischen all den humanen Lügen hervorbringen kann? Darauf erstmal eine Runde Kyuss. Dann die Erleuchtung bei Catamaran. Lang hat es nicht gedauert.
Ich lebe, weil ich allein stehen kann und nicht umfalle, wenn mir einer den Ohrstöpsel aus dem Ohre stöpselt. Wenn ich Tennis spiele, muss ich keine Musik um mich haben, genausowenig wie beim Eincremen. Trotzdem ist das was ernstes zwischen Mir und der Klangwelt. Keine Liebäugelei oder gar Zweckgemeinschaft. Sie kann meine Gefühle sprechen lassen und einen Moment unauslöschbar machen. Ich bekomme durch Sie die Krämpfe aus meinem Nacken und bin in der Lage, wechselhaft auf die Depressions- oder auch Euphorieplattform zu springen. Und sie ist der Schlüssel zur Wahrnehmung des eines Anderen Emotionen und Übersetzung dieser mit der passender Melodie. Es geht nicht um das Bandnamensammelsuriums in eines Menschen Kopfs, noch um die berühmte Genrefrage. Es geht um die Fähigkeit, Musik zu fassen, Drum’n Bass in die Beine fliessen zu lassen, mit Rock’n Roll beim Anschauen deines Gesichts am Morgen danach trotzdem zu lächeln, mit Popmusik im Auto an einem Sommertag pfeifend Bauarbeitern zuzuwinken oder mit Metalcore vor Rage Bleistifte zwischen den Fingern zu zerbrechen. Nicht: “Ey, haste schon die neue X-Platte gehört?” Sondern: “Hör mal..” >>Play<<. Natürlich kann da das Repertoire in Sachen Songwissen von Vorteil sein. Aber eben nicht notwendig. Vermutlich sollte bei all den Toten, die die Batterieindustrie auf dem Gewissen hätte, die Musik ein schlagfertiges Manöver zur Vertuschung sein. Ein Make Up für die Unfähigkeit die Schönheit des Moments zu begreifen und zu gestalten. Geräuschlosigkeit kann manchmal so viel mehr den Kopf verdrehen als jeder Song dieser Welt. Das Gleiche gilt für ein Wort. Und umgekehrt. Ich bedauere, den Walkman, der nun im Grabe liegt, zu tiefst. Natürlich auch den Besitzer und wünsche beiden, eine vorerst klanglose Wiedergeburt.
(WesCadle)

















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