Popsoap 12 | Christoph Schneider Report
// Schwere Zeit für Superhelden
Die Tage in meiner Heimat flogen ereignislos dahin. Ich kümmerte mich beherzt um den Haushalt meiner Mutter, ging einkaufen, beobachtete die Blätter beim gelb werden und verbrachte viel Zeit mit mir und dem Fernseher. Ich hörte lange nichts von Susan und ihrem neuen Güterbahnhof Club. Scheinbar war dieser nicht mehr als einmalig oder aber immer noch im Kampf zwischen Ämtern und Behörden. Ich ging kaum noch raus, geschweige denn Tanzen oder mich sonst irgendwie amüsieren. Die Wohnung meiner Mutter hatte ich halbherzig und in der Sparvariante aufgefrischt. Ihren Armen ging es von Tag zu Tag besser. Ich hatte also meinen Dienst getan und meine Anwesenheit in dieser Stadt wurde dementsprechend überflüssig. Zehn Uhr Dreißig am nächsten Tag stand ich vor der Haustür meiner Mutter, die mich winkend, und ich betone winkend hinter dem Küchenfenster ihrer Wohnung verabschiedete und wartete darauf abgeholt zu werden. Insgeheim hoffte ich natürlich so zurück zu reisen wie ich hergekommen war, sprich auf dem Beifahrersitz des VW Kombis von Susan. Es nieselte so vor sich hin und irgendwie zog sich die kalte Luft unter sämtliche Kleidungsschichten als vor mir ein grüner Mercedes Benz Baujahr 1982 anhielt und vor sich hin dieselte. Jemand kurbelte die Scheibe runter und rief meinen Namen. Ich drehte mich kurz um, schenkte meiner Mutter ein letztes Lächeln und nahm im Fond des Youngtimers Platz. Ich wurde von 2 netten, jungen, irgendwie durchgeknallten Damen begrüßt und in Augenschein genommen. Stiftung Warentest hatte mich als Ware wohl für gut befunden und lächelte mich an. Danach quälte sich der alte Benz auf Tempo 100, wobei die Damen schon richtig Spaß hatten. Ich war froh, dass der Wagen keine 200 mehr schaffte, denn wer weiß, wie viel Spaß die Pilotin und ihre Co-Pilotin sonst noch gehabt hätten. Die Fahrerin kümmerte sich um alles, was nicht unbedingt mit Aufmerksamkeit im Straßenverkehr zu tun hatte. Die Lautstärke der zugegeben etwas antiken Serienstereoanlage hatte den Maximumpegel bereits erreicht. Den beiden war das jedoch herzlich egal und sie gaben den einen oder anderen unsicher gesungenen Songtext zum Besten. Dabei kicherten sie pausenlos und scherzten über schlechte Liebhaber und dumme Autofahrer. Der Angstschweiß auf meiner Stirn stieg proportional zum Regen auf der Windschutzscheibe. Scheinbar gab es ein kleines Problem mit der Scheibenwischanlage die hin und wieder kleine Aussetzer hatte. Der Motor des alten Benz röhrte als ob er sich von seinem Leben als Motor verabschieden möchte, der Regen peitschte auf die Windschutzscheibe das man Angst haben musste, dass sie darunter zerbricht und die Serien-Boxen gaben wohl ihr letztes Konzert in diesem Auto. Die Mädels zeigten sich davon unbeeindruckt und feierten die Mobile Disko weiter bis der Benz anfing zu tuckern und eine leichte Briese qualm durch den Innenraum nebelte. Der Wagen rollte im Schneckentempo über die Standspur, die Musik war aus und die Mädels endlich mal ruhig. Der Regen peitschte dennoch unaufhörlich aufs Autodach und ich sah mich schon in der Löffelchenstellung auf einem Autobahnparkplatz auf der Rücksitzbank des Mercedes übernachten. Die sonst so aufgedrehten Verantwortlichen für das Fiasko waren ausnahmsweise auch mal still, vielleicht sogar ein bisschen ratlos. Der Benz parkte sich auf den ersten Parkplatz der Raststätte ein und gab auf. Seine Insassen saßen sprachlos da und warteten auf Hilfe. Ich spürte, dass letztendlich mal wieder ich Retter der Situation sein musste und tastete mich langsam mit begriffen wie ADAC oder AVD vor. Als mir die Mädels unmissverständlich zu verstehen gaben, dass sie davon noch nie etwas gehört hatten, merkte ich, dass die Situation ernst war. Ich fragte nach Eltern oder Freunden, am besten gleich mit Werkstatt und Abschleppwagen, aber auch da stieß ich auf fragende Gesichter und taube Ohren. Bei gefühlten 100l Niederschlag pro Quadratmeter hatte ich auch nur bedingt Lust mein gefährliches Halbwissen in Bezug auf KFZs und deren Motoren zu testen. Keine Minute später stand ich vor einem Gewirr an miteinander verknüpften Kabeln und Rohren die in Zusammenarbeit irgendwie dieses Gefährt antreiben sollten und hatte natürlich keinen blassen Schimmer. Irgendwas qualmte noch, irgendwas roch auch ziemlich unangenehm und irgendwas durchnässte mich bis auf die Knochen. Da stand ich also, der Held aller Kitas, der sozialste Zivi der Welt, der seinen Urlaub für seine Mutter opferte und was war der Dank? Zwei durchgedrehte Tussis in einem kaputten grünen Mercedes an irgendeiner Autobahnraststelle im Nirgendwo und dazu nass wie frisch geduscht und dieses herrliche Geräusch von vorbeisausenden, gut funktionierenden Autos im Ohr. Perfekt. Lieber Gott, hol mich jetzt!
Minuten später kapitulierte ich und setzte mich pitschnass wieder in den Wagen. Keine Chance, nichts zu machen, sagte ich den Damen. Auch die letzten Versuche den Wagen noch einmal zu starten scheiterten. Vier ratlose Augen blickten mich hoffnungsvoll, verloren und irgendwie auch erwartend an. Christoph Schneider konnte diesen Blicken jedoch nicht mehr helfen. Der Superheld der vergangenen Tage wusste, dass er von nun an nur noch alleine den Kampf gewinnen konnte. Ich packte meine kindsgroßen Backpacker, lächelte die beiden noch einmal ermutigend an und stieg aus dem Wagen. Der Regen war mir mittlerweile vollkommen egal, ebenso die Rufe der Mädchen. Kampfesmutig schaute ich mich nach möglichen Transportmitteln auf dem von Gott verlassenen Parkplatz um. An einem winzigen Toilettenhäuschen am Rande des Rastplatzes sah ich ein winziges lila farbenes Auto stehen. Ich näherte mich diesem und klopfte an die beschlagene Scheibe der Beifahrertür. Keine Reaktion. Mein zweiter Versuch jemanden aus dem Auto zu klopfen wurde von einem Pfiff aus Richtung des Toilettenhäuschens unterbrochen. Ich drehte mich um und erkannte durch die Ströme des Regens eine knapp bekleidete Frau die optisch perfekt zu ihrem Wagen gekleidet war. Schritt für Schritt wurde mir klarer, dass die Dame wohl spezielle Damendienste gegen Bezahlung auf diesem Parkplatz anbieten würde. Oha, dachte ich mir. Na kleiner, wo brennt’s denn? Begrüßte mich die Dame übertrieben freundlich. Brennen nicht direkt, begrüßte ich sie zurück und erzählte von meinem Dilemma. Sie zeigte sich im Laufe unseres Gesprächs eher weniger interessiert an meiner Misere, dennoch schien sie ein offenes Ohr für Männer in Not zu haben. Sie lief zu ihrem Wagen, kramte dort einige Minuten drin rum und kam mit einer kleinen, gelben Plastikkarte in der Hand zurück. Ich wählte die Nummer des ADACs in mein mobiles Telefon ein und erzählte denen was mein Problem war. Eine halbe Stunde später kam der dazugehörige gelbe PKW auf den Rasthofparkplatz gefahren. Ein kurzer, fachmännischer Blick, einige Handdrehbewegungen im Motorraum und mehrere Testläufe brachten den 82iger Benz wieder zum Tuckern. Die freundliche Dame im Minirock kürzelte auf das Reparaturblatt des gelben Engel und die beiden durchgeknallten und ich setzten unsere Reise, wohlgemerkt ohne Musik und mit maximal Tempo 90, fort. Wieder mal eine grandiose Heldentat des Christoph Schneiders, dachte ich mir und ließ mich entspannt nach Hause kutschieren. Fünfzehn Euro Spritkosten musste ich dennoch bezahlen. Schwere Zeit für Superhelden!
(joakim_e)

















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