Popsoap 13 | Christoph Schneider Report
// Kling, Klang, Ich & Ich
Nach 3 Wochen hart erarbeitetem Sozialheldenstatus in meiner Heimat, durfte ich nun wieder hinein ins Kleinod meiner neuen Heimat. Mein Urlaub war also vorbei. Fazit: 3 Wochen Jahresurlaub, der ausgeschrieben zur Erholung und Entspannung dienen sollte, in die Heimat gesetzt. Positiv halte ich fest, Geld gespart. Negativ: er ist vorbei und alle Dinge, die Spaß bereiten könnten, sind ohne mich passiert.
Egal, ich war zurück und wollte nach vorn und irgendwie hatte ich auch wieder Lust, die kleinen Hebelchen und Pressen in der Druckerei, in der ich angestellt war, zu drücken und zu behebeln. Wie immer 5 Minuten nach der Zeit sprang ich in höchster Eile auf mein wiesengrünes Diamant
Damenrad und fuhr los. Ich war mir nicht mal ganz sicher, ob meine Wohnungstür zu war, ich das Balkonfenster zugemacht hatte und ob ich zueinander passende Schuhe an hatte. Egal, am ersten Tag zu spät sein, kommt nicht gut, wenn man später einmal Chief Executive Officer sein will, dachte ich mir. Ich brauste durch den morgendlichen Nebel hin zur Druckerei, passierte mit gefühlten 50km/h und einem abgehetzten Lächeln den Pförtner und parkte mein Diamant im Parkbereich 1. Im Umkleide- und Aufenthaltsraum begrüßten mich genau die Gesichter, die ich vor meinem Urlaub nicht mehr sehen konnte und in meinem Urlaub vermisst hatte. Alle 15, alle samt 20 Jahre älter als ich, aber dennoch nett und manchmal sogar sympathisch. Spint 6 beherbergte meine Dienstkleidung, jedoch hatte ich in der Hektik vom Morgen den dazu passenden Spintschlüssel zu Hause liegen gelassen. Wahrscheinlich entspannte der sich gerade auf meinem Schreibtisch und schloss heimlich Allianz mit dem Kellerschlüssel, wer weiß, aber hier war er jedenfalls nicht. „Guten morgen Herr Schneider, haben wir es dann bald?“, tönte es in meinen Ohren. Natürlich nicht, aber das konnte ich meinem geliebten Vorarbeiter schlecht erzählen. Glücklicherweise hatte der vor Dienstbeginn noch was zu erledigen und so konnte ich in aller Ruhe die Dienstkleidungsherberge knacken und mich fertig machen. Schön war es, endlich wieder im Designer Blaumann in Hellgrau zu stecken und den Duft der Halle und des Papiers zu inhalieren. Rechts in Sektor 1, meine geliebten, süßen grauen Kartons mit den fertig gedruckten Broschüren und Flyern, die dass Bild getaner Arbeit symbolisieren, daneben unser Mercedes unter unseren Maschinen, die A0 Presse und daneben, wer war das? Eine Frau? Eine Frau in einem von Männern für Männer geführtem Betrieb? An einem Platz, an dem Mann all die Jahre auch mal versehentlich Mann sein konnte ohne das 3 Wochen jemand darüber beleidigt war, einem Ort, an dem sich unverblümt über Frauenärsche, Brustgrößen und andere Figurfehler unterhalten werden durfte und auch wurde und jetzt ist hier eine Frau? Ein Fehler im System? Erziehung zur Selbstbeherrschung? Kontrolle? Was für eine Maßnahme soll das sein, liebe Geldgeber?
Sie sah unglaublich lächerlich aus in ihrem viel zu großen Firmenblaumann in hellgrau, passte sich vom Altersgefüge meinen Kollegen an und tat so, als hätte sie uns allen hier mindestens was voraus. Bevor ich die Fremde aus der Nähe tüven konnte, durchdrang mein Gehörgang die niedliche Stimme meines Vorarbeiters „Haben wir es dann bald, Herr Schneider?“. Selbstverständlich, jetzt haben wir’s, den Wolf im Schafspelz, das Loch im Käse, die Frau in der Druckerei! Großartig. Bevor ich meine Gedanken in Worte fassen konnte, stand ich an meiner Maschine und bekam den nächsten Auftrag. Grimmig schmollend und im Blickwinkel immer „Die Frau“, schraubte ich unvergnügt an meinem Blechmonster herum. In einem kleinen Moment der Unaufmerksamkeit, schlich sich „Die Frau“ jedoch aus meinem Sichtfeld. Ich bemerkte, dass auch meine Kollegen irritiert waren und für einen Moment nicht wussten, was sie jetzt in ihren Blickwinkel nehmen sollten. Ich für meinen Teil nutze den Aufmerksamkeitsschub, um meine neue Druckvorlage zu verinnerlichen. Programmhefte für ein Festival. Ein Festival? Ein Festival! Das erste Mal in meiner beispiellosen Karriere als Drucker, fühlte ich Emotionen in meinem Job. Ein ganzes Festival mit mehreren Künstlern, an mehreren Tagen, mit mindestens großer Bühne, Absperrzäunen, Wellenbrecher, Festivalständen, Festivalbändchen und eben Festivalzeitung. Und bereits hier kam ich ins Spiel. Christoph Schneider druckt das Immergutrocken-Festivalheft und zwar alle 5000 Stück. Das Festival auf dem ich letztes Jahr so versagt hatte, auf dem ich mir so viel vorgenommen hatte und auf dem ich so bitter versagt hatte, meldete sich jetzt bei mir.
Als erster Mensch werde ich die gedruckte Form des Programms 2008 in den Händen halten. Ich veranlasste meine Maschine den Proof zu drucken und wartete wie ein kleines Kind auf sein Softeis, Schoko-Vanille, an der Ausgabe. Slut, Fotos, Lemonheads, The Notwist, Trip Fontaine, Girls in Hawaii, Lo-Fi-Fnk, Blood Red Shoes, dazu Bimmelbahn, Bandkick und Badesee. Ich las den Probedruck wie die Prüfungsergebnisse meiner Zwischenprüfung. Neu war wohl, dass sich das Programm auf 3 Tage ausdehnen sollte, der Zeltplatz einen neuen Anstrich und vor allem nette Wegesbeleuchtung bekommen sollte, die Disko statt bis um halb fünf bis um sechs dauern sollte und es in diesem Jahr einen Müllpfand geben sollte. Soweit so gut, schick gemacht und von mir persönlich angestrichen, ratterte ich die restlichen 4999 Exemplare durch meine Presse. In mir keimte die Idee dieses Festival auch weiterhin durch meine Superheldenkräfte zu unterstützen.
Das Immergut braucht einen Christoph Schneider, das stand fest, die Frage war nur wie und warum? Mister „Haben wir es dann bald“ teilte mir mit, wer die ganzen Hefte bestellt hätte und wohin wir die den liefern sollten, woraufhin ich mich dann auch gleich um den Versand kümmern durfte. Der dem Festival namensgleiche Verein war in Berlin ansässig, wohin auch die Programmhefte verschickt werden sollten. Als die Maschine fertig gearbeitet und ich die Hefte sauber in meine grauen Lieblingskartons gestapelt hatte, beschriftete ich die Seiten mit meinem Namen, meiner Telefonnummer und dem Zusatz „Jobsuchender Immerguthelfer“. Nachdem ich dann die Kartons maßgerecht auf eine Holzpalette verladen hatte und das Gesamtkunstwerk mit Folie umzogen hatte, konnte einfach nichts mehr schief gehen. Die gedruckten Programmhefte standen unweigerlich in Sektor 1, meine Bewerbung war geschrieben, die Chance, das Immergutrocken 2008 Backstage zu erleben zum Greifen nah, einzig und allein abhängig vom erfolgreichen Zugang der Lieferung durch die UPS Herren. Mein Blick zoomte durch die Halle, keiner schien etwas gemerkt zu haben, da tippte mir jemand vorsichtig auf die Schulter.
(joakim_e)






















Kommentar verfassen