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Popsoap 10 | Christoph Schneider Report

Christoph Schneider

// Club Rock’in Beats (eins)

Ich parkte das eigelbe Cabrio mit einem gekonnten U-Turn in eine Parklücke, groß genug für einen halben Mini Cooper, direkt vor dem Haus meiner Mutter. Sie fragte mich, ob ich alles los geworden bin und ob sich die Kinder gefreut hätten. Ich erwiderte, dass mich die Kleinwüchsigen mit den Teddys verhauen hätten und mich anschließend mit den Spielzeugautos in die Flucht geschlagen hätten.

Meine Mutter guckte mich mit großen Augen an und machte einen witzigen, fassungslosen Gesichtsausdruck.

Ich gab ihr einen Kuss auf die Stirn und nahm mir die Zeitung von heute. Sperlingstrasse für 2 Wochen gesperrt, 0:4 Klatsche für den ortsansässigen Fußballclub im Revierderby, Lidl baut an der Ortsumgehung, neuer Rockclub im alten Güterbahnhof, Moment mal neuer Rockclub im alten Güterbahnhof? Mein Blickverlauf lief noch einmal zurück zur letzten Schlagzeile und ich begann mich mit den Wörtern, die darunter standen, etwas näher zu beschäftigen.

Neueröffnung, 2 motivierte junge Unternehmer, handgemachte Live-Musik, gemütlicher Club, Kevin Kobs und Susan Becker. Susan Becker? Und Kevin Kobs? Den Typen kannte ich nicht, befürchtete, aber ihn auf Grund seiner möglichen Liaison mit meiner Susan jetzt schon nicht zu mögen. Die Eröffnung war für heute Abend geplant. Ich sah mich veranlasst, schon jetzt mein bestes Superausgehheldendress zusammenzustellen, um heute Abend gleich am Einlass zu glänzen und der Provinz zu zeigen was „Sache“ war.

Ich verpasste meinen schwarz-weißen Chuck Taylor Converse Modell All Star Crossword Unisex in limitierter Ausführung im Kreuzworträtsellook ein paar brandneue Schnürsenkel in der Modefarbe weiß. Darüber bekleidete ich mich mit meiner schwarzen Lieblings 501, die sich im Laufe der Jahre genau meiner Beinform angepasst hatte und nun hauteng meine Modelbeine erahnen ließ. Bei der Wahl zum Shirt des Tages wurde es schon weitaus spannender. Im Rennen ganz vorn das pechschwarze, körperbetonte Fit-Shirt von Soloturner, ein brandneues Nepomuk Shirt in weiß und ein fashes Fanshirt eines neuen Online-Fanzines in braun. Nach Rücksprache mit dem im Zimmer befindlichen Ganzkörperspiegel, entschied ich mich für das weiße Nepomukshirt. Der Catwalk konnte also von mir, der trendbewussten Fashion-Ikone Christoph Schneider, erobert werden. Vorbei an der bedröppelt drein schauenden Warteschlange direkt hinein in den Club, bereit Susan mit arroganter Modelignoranz und verdammt gutem Styling zu beeindrucken und weiterhin Kevin Kobs in eine meiner 5 Pockets meiner schwarzen Levis zu versenken, machte ich mich leicht angedüdelt auf den Weg zum alten Güterbahnhof.

Der Nahverkehr in dieser Stadt lässt nach zehn Uhr eher zu Wünschen übrig und beschränkt sich auf mehr stündlich verkehrende Nachtbusse, die sich in einem sehr dünnen Streckennetz bewegen und mich nicht wirklich voran bringen würden. Eine Flasche Bier begleitete mich und verriet mir so dies und das aus dem Leben einer Bierflasche. Der Weg zum Club war nicht gerade um die Ecke und ich begann schrittweise an zu laufen. Proportional zu den Metern, die ich zurücklegte, leerte ich auch das Bier. Mir wurde klar, dass ich bei diesem Verhältnis nicht gewinnen konnte und ich schneller auf dem Trockenen sitzen würde, als mir lieb sein konnte. Eine Ecke weiter stand ich in mitten einer gottverlassenen Stehbiertrinkhalle. Ich lallte den Verkäufer voll, dass er mich mal schnell mit 2 bis 5 Bier ausstatten solle und dass er das Erste sofort öffnen könne, wobei die restlichen einzupacken wären. Der Verkäufer war Gott sei Dank kompetent genug und verstand, was ich wollte. Keine zwei Minuten später war ich mit einem offenen Bier in der rechten und vier weiteren, geschlossenen und in einer weißen Plastiktüte verpackten in der Linken wieder unterwegs in Richtung Güterbahnhof. Bis zum Eingang des Clubs hatte ich alle fünf versetzt und in meinen Körper gefüllt.

Hacke dicht stand ich nun auf dem vermeintlichen Catwalk, der mich so glamourös in den Club verfrachten sollte. Die Präsentation meines eitel zusammengestellten Dresses war aufgrund der fehlenden Warteschlange jedoch gänzlich unnötig und so eierte ich direkt und widererwartend unspektakulär in Richtung Eingang. Einen Passierschein brauchte man nicht, große Männer in schwarzen Jacken mit Head-Set im Ohr suchte man vergebens. Es war dunkel. Eine blaue Lichterkette wies darauf hin, dass die Party im Keller stattfinden würde. Ich appellierte an meine Motorik, die nächsten 12 Stufen keine gravierende Ausfälle aufgrund meines Alkoholkonsums zu zulassen. Es glückte mir und ich blickte kurze Zeit später direkt in eine riesige, unterirdische, blau ausgeleuchteten Partyhalle. Es lief in einem irren Sound „Monday“ von Friska Viljor. Circa 150 feierwütige Leute tanzten. Drum herum und an den Bars etwa noch einmal so viele. Ich sah mich sofort gezwungen mitzuwippen und mich drehend in die Mitte der Tanzfläche zu befördern. Ein flackerndes Licht direkt über mir, die tanzende Partymeute und der astreine Sound beflügelten mich zu Tanzbewegungen, die ich noch nie zuvor gekannt, geschweige denn, gesehen hatte. Es war irre und völlig unerwartet. So viele Gleichgesinnte. Ich war in meiner Welt. Vollkommen glücklich und ich selbst, lösgelöst und befreit. Kein einziger trüber Gedanke an verpasste Bands und Festivals, kein einziger Gedanke an meine erkrankte Mutter und meinen damit verpatzten Urlaub. Es konnte mir nicht besser gehen, als sich in Mitten tanzender Leute und flackerndem Diskolicht ein hell erleuchteter Weg auftat und ein umwerfend schickes, blondes, lockiges und strahlendes Mädchen auf mich zu steuerte.


(joakim_e)

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  • 1 Kommentar

    1. jaja der alte “Güterbahnhof” :-)

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