Popsoap 2 | Christoph Schneider Report
/// Mitfahrzentrale und Bräunungscreme.
Es ist Samstag Mittag. Ich schaue zu meinem Wecker und lese 11.30 Uhr ab. Ein Blick zum Balkonfenster verrät mir, dass draußen die Sonne scheint und es vermutlich ein schöner Tag ist. Es ist Mitte Mai. Ich überlege, was es heute für mich zu tun gibt und wie lange ich es noch in meinem Bett aushalte. Meine Überlegungen ergeben, dass nichts anliegt.
Ich drehe mich vom Fenster weg und starre an die Decke. Mein Rücken schmerzt vom langen Liegen. Mir fällt ein, dass heute Abend eine Band im Pub spielt. Mir geht es gut. Ja! Mir geht es von Tag zu Tag sogar immer besser. Ich fasse den Entschluss, mich aufzurichten und mich auf meine Bettkante zu setzen. Von hier aus betrachte ich meine Umgebung aus einem neuen Blickwinkel. Ich schaue zu meiner Pinnwand, an der ich kalendarisch meine Festivalkarten, beginnend mit dem Naheliegendsten, angepint habe. Ganz oben ziert meine Pinwand das dieses Jahr weiße Hardpaperticket des Immergutfestivals.
Seit Monaten bereite ich mich strategisch auf den Start der Saison vor und aktualisiere meine To-Do-List fast stündlich. Die Grundausstattung ist natürlich jährlich dieselbe. Zelt, Isomatte, Campingstuhl, Schlafsack. An den Feinheiten, die das Festival zum fünf Sterne Erlebnis machen, wird immer wieder neu gearbeitet. Wichtig ist, sich auch musikalisch auf das jeweilige Festival vorzubereiten, um dem Dargebotenen 100%-fachkundig gegenüber zu treten. Auch die jeweils passenden Bandshirts sollten von Festival zu Festival sorgfältig ausgewählt werden und stets mit dem aktuellen Albumtitel bedruckt sein. Momentan bereitet mir noch die Routenplanung Kopfschmerzen. Aber ich denke, das dürfte eine Frage der Zeit sein und auch ich habe zu jedem Festivalort die passende Mitfahrgelegenheit gefunden.
Ich erhebe mich von meinem Bett und öffne mein Balkonfenster. Tatsächlich, meine Vermutung war richtig. Es ist ein wunderschöner Tag im Mai. Ich ziehe mein Shirt aus und betätige den Hebel meines Wasserkochers. Anschließend schlendere ich augenreibend in mein Bad und stütze mich auf mein Waschbecken. Ich betrachte mich im Spiegel und beginne mich selbst hübsch zu finden. „Christoph, man man, du siehst gut aus.“ Ich streiche mit der Rechten durchs Haar und richte mich auf. Ich greife meine Zahnbürste und putze mir die Zähne. Dabei fällt mir auf, dass ich zwar einen athletischen Oberkörper habe, dieser aber noch Käseweiß ist. Ich stelle mir vor, wie ich beim Konzert ganz vorne stehe, es brütend heiß ist, ich mich meines Shirts entledige und die Band abbricht, weil sie von meinem schneeweißen Oberkörper geblendet wird.
Ich spucke die benutzte Zahnpasta ins Waschbecken und bekomme ein flaues Gefühl in der Magengegend. Es beruhigt mich auch nicht sonderlich, dass meine Mitstreiter und auch aller Wahrscheinlichkeit nach die gerade auftretende Band ebenso weiß sein könnte wie ich selbst. Ich schreibe auf meine To-Do-Liste „Bräunungscreme kaufen“, da ich aus Prinzip ein Sonnenstudio meide. Inzwischen hat sich auch mein Wasser entschieden, mit dem Kochen fertig zu sein und ich brühe mir daraus einen Kaffee. Dieser beruhigt mich ein wenig und ich überlege, was ich in der Zeit zwischen dem Kaffee und dem Konzert der Band, deren Name ich noch nicht einmal kenne, tun werde.
Ich greife zu meiner Hose und zücke mein Portemonnaie. Perfekt! Es ist noch was drin. Ich ziehe mir ein lockeres, grün-weiß gestreiftes T-Shirt an, bekleide mich mit einer Jeans, stülpe mir meine Converse über und verlasse kurzerhand die Wohnung. Den Nachmittag verbringe ich mit der Besorgung einer geeigneten Bräunungscreme, mit Leute beobachten und Eis essen. Verzweifelt versuche ich an Informationen zu der heute Abend auftretenden Band zu bekommen. Ich geb’s auf. Trotzdem gehe ich mit großer Vorfreude auf das Konzert.
Als ich gut gedressed die drei Ecken bis zum Pub erfolgreich hinter mich gelassen habe, blendet mich ein mir direkt ins Gesicht blinkendes Schild. Mit etwas Mühe lese ich diese schlecht gemachte Werbetafel und entziffere zaghaft „Magic Fantastic Super Childs“. Zwei, von der Statue eines ausgewachsenen Grizzliebären gebaute Türsteher begrüßen mich mit einem freundlichen „8,- Euro“. Fröhlich und voller Erwartungen auf MFSC rücke ich mit einem rosa Scheinchen raus und gebe ihm diesen netten Grizzliebären. Der Türsteher drückt mir mein Wechselgeld in die Hand, dazu einen Stempel aufs Handgelenk und schiebt mich mehr oder weniger sanft in den Pub hinein.
Es ist noch nicht viel los, nur ein paar Stammgäste sind am Darten und lästern über einen schlechten Wurf eines Mitspielers. Ich gehe zur Bar, bestelle mir ein Heineken und zahle 3,50. Auf der Bühne kreppelt ein junger Rowdy und steckt nervös eine Millionen Kabel irgendwo rein. Die Lichtanlage ähnelt ungefähr meiner Badezimmerbeleuchtung. Dafür stehen jeweils zwei riesige Boxentürme, die gemeinsam meine gesamte Wohnung füllen würden, links und rechts von der Bühne.
Es vergehen zwei Stunden als sich plötzlich eine hochemanzipierte Punkrockschnalle aus dem Backstagebereich auf die Bühne krümmelt. Mit mir beginnen sich etwa 147 leicht genervte Konzertbesucher aufzustellen und nuckeln weiter an ihrem fünften oder sechsten Bier. Die Punkrockschnalle brüllt lauthals etwas ins Mikrofon. Die Badezimmerbeleuchtung flackert kurz auf, worauf sie beginnt auf ihrer Gitarre rumzuschrubben. Neben ihr haben sich mittlerweile die anderen Magischen-Fantastischen-Super-Kinder aufgestellt, vier an der Zahl. Ich vernehme ein „1,2,3,4“ und vermute den Konzertbeginn.
Die Punkrockschnalle geht gleich tierisch ab. Ihre Jungs dagegen lassen es eher im Stile von Curt Cobain angehen und schrammeln gelangweilt auf ihren Instrumenten rum. Im Gesamten ergibt das einen nahezu unhörbaren Sound. Ich wippe trotzdem mit und versuche mich der allgemeinen Stimmung anzupassen. Nach drei Liedern muss ich passen und gehe genervt zur Toilette. In dieser ruhigen Minute ärgere ich mich über den gezahlten Eintritt und das versoffene Biergeld. Ich wasche mir die Hände und fasse den Entschluss, mich mit einem wütenden Blick bei den Eingangsgrizzlies zu verabschieden und mich ins Bett zu stecken.
Ich schlafe ein und bin gewiss, ein großartiges Konzert besucht zu haben und Zeitzeuge eines nie da gewesenen Kulturereignisses unserer Stadt zu sein. Carpe Diem!
(joakim_e)


















Ohja die Story zeigt mir Bekanntes auf und steigert meine Vorfreude auf meine anstehenden Festivals die ich dieses Jahr besuchen werde.
ich kann mich auf jeden fall mit chrischi identifizieren
sich den ganzen tag auf eine unbekannte band freuen, dann 8 euro eintritt bezahlen und nach 3 songs beleidigt nach hause gehn…..zum schlafen…klingt komisch….damit muss man in einer stadt wo nur ein konzert zur auswahl steht an einem samstag abend rechnen, dass ein einziges konzert in einer stadt nicht den kulturellen geschmack aller trifft, aber wer kennt es nicht….man wacht mit nem kopp am nächsten tag auf….ist um mindestens 30 euro oder mehr leichter und fragt sich….mensch, watt nen blöder abend gestern, hätt ich doch daheim dsds und danach boxen schauen können……