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Popsoap 3 | Christoph Schneider Report

/// IMMERGUTROCKEN 2007 (1.Teil)

Etwa eine Woche nach meinem Konzertbesuch bei den „Magic Fantastic Super Childs“ und einer Self-Wellness-Kur meiner Gehörgänge, hatte ich wieder Lust auf gute, gitarrenlastige, handgemachte Musik. Ich erkundigte mich fast stündlich auf der Website des Veranstalters des Immgutrockens nach neu bestätigten Bands und aktuellen Hintergrundinformationen zum Festival. Schuldig geblieben waren mir die Organisatoren immer noch den Headliner vom Freitag. Ich war mir nicht ganz sicher, ob diese Taktik des nicht veröffentlichen eher die Spannung heben sollte und der Super-Ober-Kracher schon längst gebucht war oder ob es doch eher Probleme gegeben hatte und das Schiff in Seenot war. Ersteres sollte mir natürlich lieber sein.

Noch 5 Tage bis ich mein edles Hardpaperticket gegen ein hoffentlich extrem hübsch gestaltetes Festivalbändchen tauschen sollte, noch 5 Tage bis mein Herz in einem anderen Takt schlägt, noch 5 Tage bis zum Immergutrocken 2007. Wie ein kleiner Junge auf sein neues Fahrrad, freute ich mich auf das nahende Großereignis. Ich hatte längst alles besorgt und meine To-Do-Liste akribisch abgearbeitet. Bestens vorbereitet stand ich bereits 2h vor dem ausgemachten Termin abfahrbereit in meiner Wohnung. Hatte ich alles eingepackt? Kommt mich die Mitfahrgelegenheit pünktlich abholen? Muss ich noch an irgendetwas denken?

Zwei Stunden später klingelt es bei mir an der Tür. Aufgeregt schnalle ich mir meinen XXL Rucksack auf den Rücken, meinen Schlafsack unter den Arm und greife mein Zelt. Die Wohnungstür fällt ins Schloss, ich stürze die Treppe hinunter und begrüße freundlich meinen Mitnehmer. Eine recht ordentliche Gestalt mit einem alten roten Ford Escort. Die Fahrt verlief unspektakulär und ereignislos. Wir redeten nicht viel und träumten vom perfekten Festival. Jeder für sich. Nach circa 2,5 Stunden Fahrt erreichten wir Neustrelitz, eine Kleinstadt in Mitten der Mecklenburger Seenplatte. Wir folgten den schwarzen Eutern, dem Logo des Festivals, die auf Pappschildern am Straßenrand den Weg zum Festivalgelände zeigten.

Dort angekommen blickten wir auf einen halbleeren Parkplatz und auf emsig werkelnde Zeltbauingenieure. Wir taten es ihnen gleich und bauten unsere Zelte gleich in „Kiefernheide“ , so nannte sich der Zeltplatzabschnitt auf dem wir uns breit machten, auf. Eigentlich war das Campen hier nur für Wohnmobile und ähnliches gestattet aber aufgrund der guten Lage bauten wir uns einfach dazwischen auf. Mein Iglu stand in 7 Minuten, das aufpumpen meiner Matratze dauerte weitere 3 und nach 15 Minuten stand ich am Einlass um meine Karte in ein Bändchen umzutauschen. Neugierig fragte ich die Jungs, die dort am Bändchen verteilen waren, wer denn nun Headliner am Freitag sei. Geantwortet bekam ich ein „Seidenmatt oder so“ und der Besucher neben mir fügte dem noch ein „Jeans Team fällt aus“ hinzu. Schock! Und wer spielt dafür? „Muff Potter!“. Nicht ganz glücklich nahm ich mir ein Begleitheft und einen Zeitplan, wohl in der traurigen Gewissheit das diese nicht mehr ganz aktuell sind, und schlenderte zurück zum Zeltplatz.

Ich zauberte mir das erste Steak über meinem rot-schwarzen Einweggrill und vernahm von weit her die ersten Takte einer Band beim Soundcheck. Ich kramte ein Bier aus meiner Vorratstasche, wendete mein Fleisch und beobachtete aus entspannter Lage das Treiben auf dem Zeltplatz. Diesen Moment hatte ich einen ganzen Herbst, einen ganzen Winter und fast einen ganzen Frühling herbeigesehnt. Meine Nachbarn waren noch eifrig beim aufbauen und begrüßten gerade freudig ihre Neuankömmlinge. Einer von denen ging in ein etwa 6x6m großes grünes Armeezelt, sekundenspäter drückte ein dröhnender Bass aus den dünnen Zeltwänden. Spitze, gerade noch schwelge ich in meiner ganz persönlichen Festivalidylle und schon geht’s los. Die Typen merkten aber doch recht schnell das die Musik ein wenig zu laut gewesen war und drehten wieder ab. Ich war jedoch gespannt was von dieser Seite aus noch zu erwarten war, denn so ein Zelt inklusive Generator baut man ja schließlich nicht auf um seine Nachttischlampe zum leuchten zu bekommen.

Die Eröffnung und somit die erste Band des Festivals verpasste ich gänzlich. Auch Tele hörte ich mir aufgrund meines großen Hungers und vor allem meines großen Durstes nur aus der Ferne an. Nach etwa einem halben Dutzend 0,3er Bier und einer intensiven Ganzkörpervisite der Security am Eingang, machte ich gegen 19.00 Uhr meinen ersten Schritt auf’s Festivalgelände. Ein bisschen wie Armstrong ’69 auf dem Mond. Eine Reihe Dixies begrüßten mich zu meiner Linken, rechts das Labelzelt mit dem angeschlossenen Immergutstand und der gemütlichen Wohlfühlecke Marke Eigenbau, dahinter ein paar Stände für das leibliche Wohl. Meine Blicke richteten sich geradeaus auf eine mittelgroße Bühne auf der eine Leinwand und ein überdimensionales Euter angebracht waren. Darüber hing ein Banner mit der Aufschrift „Neustrelitz ist immergut“ und noch ein Stück höher hing ein Banner mit der Aufschrift „Immergut Festival“. Sofort ergriff mich dieses familiäre Gefühl, dieses Gemeinschaftsgefühl, dieses Wald- und Wiesengefühl, dieses Immergutgefühl.

Ich stolperte ein wenig weiter und bestaunte die Leinwände auf denen Wahrzeichen und Sehenswürdigkeit von Neustrelitz zu sehen waren. Gegenüber Bibop und F6 Promotions, die ich durch demonstratives wegdrehen erfolgreich ignorierte. Ich kam zum Zelt, in dem die Nebenbühne aufgebaut war. Irgendwie hatte dieses an Größe verloren. Ich dachte nicht weiter drüber nach und ging rein. Auf der Bühne eine Hand voll adretter Jungen, die teilweise mit Vollbart bekleidet und vermutlich aus Schweden stammend, einen irren Sound spielten. Ich zückte meinen chipkartengroßen immerguten Zeitplan und las ab „Friska Viljor“, aja! Sofort luden mich meine Beine zum Abgehen ein und ehe ich „Nein“ sagen konnte verschwanden sie mit mir in der Menge. Es war irre und noch nicht mal 20.00 Uhr. Mit etwa 2500 Gleichgesinnten steppte ich grölend über das Tanzparkett, in diesem Falle den Holzfußboden des Zeltes. Das ganze Ding bebte und die Band spielte uns um den Verstand. Ich rastete komplett aus, lies mich einfach fallen und fand mich über der Menge wieder. Hand für Hand reichte man mich dann durch, bis sich ein etwas grober Security Typ um mich kümmerte. Er sagte noch kurz ein paar nette Worte zu mir und ich verschwand wieder in der Menge.

Kurz nach 20 Uhr fand ich mich vollkommen durchgeschwitzt und erstmalig erschöpft auf der Wiese vor dem Zelt wieder. „Alter Schwede“, dachte ich mir und blieb erst mal ein paar Minuten liegen. Nachfolgend spielende Bands wie Superpunk, Finn, Muff Potter oder auch Seidenmatt konnten dieses Konzerterlebnis leider nicht toppen. Es sei Ihnen verziehen. Einzig Architecture in Helsinki begeisterte mich, wenn auch auf eine andere Art. Gegen 01.00 Uhr folgte der Auftritt von Monta vs. Naked Launch, denen ich qualitativ nichts schlechtes nachsagen möchte, dennoch hatte ich arg Mühe meinen Mechanismus am laufen zu halten. Ich trank meine 2-3 Becher Bier, schlenderte mal hier, mal dort lang und stand irgendwann in „Kiefernheide“ vor dem Armeezelt meiner Nachbarn. Unfassbar was die Typen da anstellten.

Ein Live Konzert von Mr.Brown, so hieß die Band die in roten Pullundern vor circa 100 Gästen in mitten dieses Zeltes auf dem Campingplatz der Immergutfestivals spielten. Ich war komplett erledigt, fassungslos, baff und ging sofort mitrocken. Als Mr. Brown ihren Guerilla-Gig beendet hatten, ging ich zurück zum Gelände und wartete auf das nächste Konzertende und somit auf den Beginn von Erobique, dem DJ von International Pony. Es muss kurz vor 04.00 Uhr gewesen sein, als dieser kleine, nicht ganz Vollschlanke und vor allem nicht ganz nüchterne Typ im blauen Hemd die Zeltbühne betrat. Mit seinem Keyboard, seinem Sequencer und seinem Wortwitz brachte mich dieser Spinner vom ersten Beat an zum Lachen und Abfeiern. 100% Abtanzmusik mit 100% Abgehfaktor, 100% Wild und 100% Witzig. Mein Partygarant für diese Nacht. Kurze Zeit später, alles aus! Was? Verständnislos schielten wir uns besoffen in die Augen und forderten wehhemmend Erobique’s Show. Was war los? Schluss, aus, das war’s? Unmöglich! Die Stimmung kippte leicht ins aggressive, die Partymeute aufgebracht, ich fassungslos!

Plötzlich eine Stimme „Das Immergut ist in Gefahr!“. Der kleine Wicht im blauen Hemd stand wieder auf der Bühne. Leicht aufgebracht und angejagt gab er unseren Forderungen nach und massierte uns erneut die Ohren. Eine weitere halbe Stunde später ging diese außerordentlich wilde Diskoparty endgültig in die Knie. Standing Ovations auf der Bühne, wir waren glücklich. Der nächste Tag ……….. tbc.


(joakim_e)

  • Keine(r)
  • 1 Kommentar

    1. sehr tolle erfahrung… mir gings da fast ähnlich :)

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