+ + Kabelblume - Das Online-Fanzine für Popkultur + + » Popsoap 4 | Christoph Schneider Report Popsoap 4 | Christoph Schneider Report » Von joakim_e » Ich, Die, Das, Plötzlich, Spiel, Blick, Es, Diskozelt, Menschen, Nach, Irgendwie, Gesicht, Sanitäter, Fußball, Christoph, Der, Müll, Schluck, Zelt, Keine » + + Kabelblume - Das Online-Fanzine für Popkultur + +

Popsoap 4 | Christoph Schneider Report

/// IMMERGUTROCKEN 2007 (2.Teil)

…….der nächste Tag begann für mich etwas verkatert! Meinen Schlafsack hatte ich längst auf die andere Seite des Zeltes verlegt und Sauerstoff war auch eher Mangelware. Es war scheiße heiß in meinem Zelt. Ein Blick aus meinem Iglu zeigte mir, dass es auch meinen Mitmenschen und nächtlichen Leidensgenossen nicht besser ging.

Das Wetter war nur bescheiden schön aber warm. Das Armeezelt, indem, soweit ich mich erinnern kann, gestern ein Guerilla Gig von Mr.Brown stattfand, hatte die Seitenteile aufgeschlagen und lüftete vor sich hin. Daneben schliefen erschöpfte Menschen inmitten Bergen aus Flaschen und Müll. Ich rappelte mich auf und streckte meinen 1,83m-Körper gen Himmel. Der morgenliche Waschvorgang fiel höchst spartanisch aus. Kurze Munddusche, Gesicht befeuchtet, Deo.

Am Vormittag hatte der Festivalbesucher die Möglichkeit zum Immergutzocken zu gehen, dem immerguten Fußballturnier oder mit der Bimmelbahn zum Strand zu fahren. Aufgrund des Wetters entschied ich mich für Fußball. Leicht durchzecht setzte ich mich nach wohltuendem Fußmarsch an den Rand des Spielfeldes. Der Moderator kündigte das Spiel „Lichter vs. Monta“ an. Wenn ich das richtig verstanden hatte, kickten hier jedoch nicht die Musiker gegeneinander, sondern die Fans der Bands. Mich interessierte das Spiel nicht wirklich. Ich zündete mir eine Zigarette an und beobachtete die Zuschauer.

Etwa zehn Meter weiter neben mir stand eine typische „Indie-Schnalle“ an einen Lichtmast gelehnt. Stoffschuhe, vermutlich Converse ’67 Girls Edition in limitierter Auflage, dazu eine schwarze Strumpfhose die im Beckenbereich von einem Jeansrock überdeckt wurde, darüber einen etwa 20cm breiten Gürtel in der Farbe schwarz und oben rum etwa 20 T-Shirts in unterschiedlichster Farbgebung von H&M. Dazu bekleidete sie noch eine schwarze, überdimensional große Sonnenbrille und ein schwarzes Kopftuch gebunden in eine zugegeben recht wilde Frisur mit Zopf. Die ganze Verkleidung konnte mein geschultes Auge natürlich nicht irreführen. Sie war niedlich, sie war interessant. Die Art wie sie regungslos diesen für Frauen eigentlich vollkommen uninteressanten Männersport verfolgte und dabei so professionell ihre Zigarette rauchte faszinierte mich. Ich drückte meine eigene Kippe aus, zog mir eine neue aus meiner Schachtel und machte mich ohne sie anzuzünden auf den Weg zu ihr. Nach den ersten Schritten wurde ich jedoch nervös und drehte ab.

„Christoph, so kenn ich dich gar nicht, reiß dich mal zusammen“. Ich konnte nicht. Ihre Coolness war zuviel für mich. Zudem sah sie verdammt gut aus und ich wollte sie nicht anstottern, sondern sie gleich vom ersten Satz an beeindrucken. Ich zog also meine Flirtangriffsmaschinerie komplett ab, setzte mich wieder hin und tat so als wäre ich ein interessierter Spielbeobachter. Nach einer Weile traute ich mich wieder einen Blick aus dem Augenwinkel zu riskieren. Die Laterne stand noch, sie nicht! Einfach so gegangen. Nicht mehr anwesend. Plötzlich fielen mir eine Millionen charmante Sätze ein, wie ich sie hätte ansprechen können. Ich ergab mich meinem Schicksal und ließ mich von der Vorfreunde auf heute Abend trösten. Das Spiel endete und somit auch das Turnier. Es war das Finale gewesen. Wie es ausgegangen war? Keine Ahnung.

Ich ging zurück zum Zeltplatz und begann zu trinken. Das klappte ganz gut und ich torkelte recht schnell zwei vor und drei zurück. Auch Zeltstangen und gemeine Zeltstrippen waren vor meinem Schleuderschritt nicht sicher. Ich purzelte mich vor zum Einlass. In der Hand den letzten Schluck Jim Beam. Mein starrer Blick, meine unkontrollierten Bewegung und mein zwanghafter Versuch, meinen alkoholisierten Zustand zu unterdrücken, forderten mir alles ab. Ich befand mich im Krieg gegen mich selbst und musste mich jetzt diesen einen Moment, diese drei Minuten der Kontrolle durch das Sicherheitspersonal, zusammenreißen. Ich leerte den letzten Schluck Whisky, in der Hoffnung dadurch das nötige Gegengleichgewicht zu bekommen und reihte mich in die Schleuse ein.

Dieses penetrant grelle Licht über dem Einlass enttarnte jeden noch so kleinen Pickel und erst recht einen supersteifen Christoph Schneider. Diese komische Eisenbrücke, die scheinbar ein Menschenleitsystem sein sollte, war mein Rettungsanker. Ich hielt mich links und rechts daran fest, schwankte dennoch ständig hin und her. Irgendwie ging hier nichts voran. Von hinten drückten mir irgendwelche Leute ins Kreuz, es war eng und ich hatte so ein beklemmendes Gefühl.

„Reiß dich zusammen Christoph!“.

Plötzlich stand ich einem in gelb bekleideten und mich in seinen schwarzen Lederhandschuhen zu sich heran winkenden Securitymenschen gegenüber. Ich grinste ihn breit an und fiel direkt in seine Arme.

„Scheiße Christoph, du hast es nicht geschafft“.

Als ich aufwachte, begann es bereits hell zu werden und ich sah lauter Menschen kreuz und quer umherrennen. Irgendwie hatten die alle was zu tun und sahen schwer beschäftigt aus. Zwei Autolichter blendeten mich direkt ins Gesicht. Wo war ich hier? Ich raffte mich auf, mein Kopf brummte. Vor mir die Hauptbühne von der Seitenansicht, neben mir das Diskozelt von hinten und ich mittendrin. Ich war Backstage. Ich hörte Stimmen. Irgendwelches Gegacker und Nonsensgespräche. Plötzlich packte mich jemand am Arm und zog mich mit sich. Ich erkannte nur, dass er rot bekleidet und vermutlich Sanitäter war. Er sagte nichts und brachte mich zum Ausgang, beziehungsweise Eingang, raus aus dem Backstagebereich.

Die Fläche des Immerguts war leer. Kein Mensch, nur Berge von Müll und ein paar geschlossene Schankwagen. Ich hatte noch leichte Schwierigkeiten gradeaus zu laufen, aber langsam registrierte ich, was sich abgezeichnet hatte. Ich hatte den kompletten zweiten Festivaltag im DRK-Zelt, backstage, verbracht. Keine Shout out louds, keine Architecture in Helsinki, keine Virginia Jetzt!, noch nicht einmal die Aftershowparty im Diskozelt - ich hatte alles verpasst.

Langsam stieg Wut in mir auf. Wut auf die Sanitäter, die es versäumt hatten, mich rechtzeitig zu wecken und mich wieder aufs Festivalgelände zu schicken. Ich hätte kotzen können, wollte die Zeit zurückdrehen, Geschehenes ungeschehen machen und in der ersten Reihe zu den Bands abgehen. Außerdem hatte ich mir vorgenommen das Mädchen vom Fußball suchen zu gehen, alles vorbei, alles aus, das Immergut 2007 war gelaufen und zwar ohne mich. Je mehr Klarheit ich bekam, desto schlechter ging es mir. Es erfreute mich auch nicht, dass ich backstage war, ich war einfach nur zu tiefst frustriert.

Ich torkelte zu meinem Zelt zurück, legte mich in meinen Schlafsack und schlief ein.


Hier die 3. Episode


(joakim_e)

Verwandte Artikel:

4 Kommentare

  1. was für ein bericht! ich hoffe es ist dir nicht so ergangen wie dem chris. ist echt ärgerlich, was dem passiert ist und vorallem hat er die schnalle nicht mehr gesehen. ganz übel!

    freu mich schon auf den nächsten bericht, ist der erste den ich jetzt von chris gelesen hab. :) find ich gut diese soap.

  2. oh mannsen.. der schrischi hats nicht leicht :D

  3. ein sehr sehr schöner Bericht!

  4. Der ärmste……. würde ich mich ärgern…..

Kommentar verfassen