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Popsoap 5 | Christoph Schneider Report

/// Broken Social Scene

christoph.gifIch schrieb Tag Fünfzehn nach meinem nächtlichen Totalausfall auf dem Immergutrocken 2007. Bisher hatte ich noch niemandem davon erzählt. Stattdessen versuchte ich den zweiten Festivaltag so gut wie möglich zu rekonstruieren. Aber vergebens, alle Fotos, Berichte, Fernsehaufnahmen waren mir vollkommen fremd. So etwas war mir in zweiundzwanzig Jahren Christoph Schneider noch nie passiert. Man kann sagen ich befand mich seit dem in einer Art Depression.

Ich war untröstlich, kaum ansprechbar, schon gar nicht auf das Festival bezogen. Alle Fragen wehrte ich mit einem kurzen und knappen „Ja, war gut“ ab. Der einzige Lichtblick war die Vorfreude auf die kommenden Festivals, der in mir keimte. Bis dahin betrank ich mich mehrfach, oft auch sinnlos, lief vollkommen desinteressiert durch meine Heimat und ging nur wider Willen zur Arbeit. Dort falzte ich sehr herzlos irgendwelche Faltblätter, druckte Broschüren oder verpackte Material in Kartons zum Versand. Abends hockte ich dann in meiner Wohnung, die sich zugegeben in einem katastrophal, unaufgeräumten Zustand befand, schaute TV und trank meine zwei bis drei Flaschen Bier. Irgendwann mitten in der Nacht rollte ich mich dann ungewaschen ins Bett oder schlief einfach im Sessel ein.

Der nächste Tag verlief dann wie der zuvor, und der zuvor, wie der davor. Ich ging von der Arbeit nach Hause. Wie gewohnt öffnete ich im Treppenaufgang meinen Briefkasten und entnahm die darin befindlichen Werbeprospekte, Rechnungen und kostenlosen Anzeigenzeitungen. Es war jedoch auch ein Brief dabei. Kein Absender, keine erkennbare Werbung auf dem Umschlag und direkt an mich adressiert. Ich entledigte mich der anderen, wesentlich bunter bedruckten Sachen und konzentrierte mich auf diesen einen weißen Briefumschlag.

Bereits beim Treppensteigen, ich wohne in der 3. Etage, öffnete ich den Brief. Tatsächlich war er handgeschrieben und an mich gerichtet. „Hallo Christoph…..“ Ich vertiefte mich ins Lesen des Briefes und bemerkte nicht einmal, dass ich bereits die Abfahrt zu meiner Wohnungstür verpasst hatte. Als ich den Brief durchgelesen hatte, musste ich mich setzen. Ich war gleichermaßen entsetzt, verwirrt und erschüttert. Der Brief kam von meiner Mutter. Sie schrieb mir, dass sie auf einem Parkplatz beim Einkaufen angefahren wurde und dabei so unglücklich gestürzt sei, dass sie sich beide Arme gebrochen hatte. Ich war erstaunt, wie gut sie trotz allem noch diesen Brief schreiben konnte. Im Post Scriptum fügte sie dann hinzu, dass dieser Brief von ihrer Nachbarin verfasst wurde.

Der Schockzustand, indem ich mich befand, löste sich nachdem ich den Brief ein zweites Mal gelesen hatte. Mit etwas Abstand verstand ich dann, was dort geschrieben stand und registrierte, welche Rolle ich in diesem Unglück übernehmen sollte. Der Sommer schien gelaufen. Kein Hurricane, kein Melt!, kein Obstwiesenfestival, kein Summerjam, kein Mamallapuram, kein Highfield und auch kein Populario. Dabei hatte ich bereits für jedes dieser Festivals die dafür benötigte Zugangsberechtigungskarte gelöst. Mein Festivalkartenhaus wurde innerhalb einer Sekunde von 500 kg Dynamit gesprengt. All meine Vorfreuden, Vorhaben und Visionen wurden von einem Moment auf den Anderen weggeblasen. Mein Traum zerplatzt, meine Freiheit genommen.

Ich sollte mich den Sommer über um meine Mutter kümmern und ihr sozusagen zur Hand gehen. Besser gesagt, ich sollte ihre rechte und auch ihre linke Hand sein und all das machen, was sie aufgrund ihres Handicaps eben nicht mehr tun kann. Meinen kompletten Jahresurlaub als vierundzwanzig Stunden Zivi an der Seite meiner Mutter verbringen und im TV zuschauen wie andere meine Festivals feiern und das wahrscheinlich sogar mit meinen Karten. Ich überlegte kurzzeitig vom Balkon zu springen oder mir ebenfalls beide Arme zu brechen oder sonst irgend etwas anzutun, was mich meiner pflegenden Pflichten bei meiner Mutter entbindet. “Denk nach Christoph, denk nach!” Ich brauchte eine zündende Idee, eine Ausrede, einen wasserdichten Masterplan sozusagen. Aber was rechtfertigt schon die Absage an meine Mutter, um auf diversen Festivals rumzuspringen? Die Antwort war sowohl kurz, als auch einfach. Nichts. Sollte ich wirklich all meine Eintrittskarten, die ich so schön nach aufsteigendem Datum geordnet an meine Pinwand geheftet hatte, verkaufen müssen und all meine Festivalpläne verwerfen müssen? Sollte ein halbes Immergutrocken mein einziges Festivalerlebnis in diesem Jahr sein? Und sollte meine nahe zu einhundert Prozent komplette Campingausrüstung in Neustrelitz ihren einzigen Einsatz gehabt haben? Es konnte nur eine Wahrheit geben: Ein einziges, klärendes Gespräch mit meiner Mutter.

Hier gehts zur 4. Episode


(joakim_e)

  • Keine(r)
  • 4 Kommentare

    1. beide arme gebrochen…ach das kenn ich. so schlimm is das gar nich, es geht alles nur sehr viel langsamer und das was nicht geht, mach ich später…aber toll sowas! :D

    2. Man man der Chrischi hat aber auch pech :D

    3. zwei Sachen fallen auf:
      erstens,,,,,, der Mann hat viiieeel Geld, wie sonst könnte ersich die ganzen Festivals leisten
      zwietens…… neben Geld hat er auch viel Pech ….. mensch mensch…. schrein dem Mann doch mal ein wenig Glück zu…. sonst befüchte ich er macht nicht mehr lange……. in der nächsten Folge lernt er indestens ne hübsche Frau kennen….. oder rettet den Hund von Horst Köhler aus nem brennenden Auto oder findet das Bernsetinzimmer…..

    4. mensch das klingt verdammt nochmal nach einer fortsetzung, also mehr davon und der typ da ist bestimmt der herr schneider, schön endlich ein gesicht zu haben….gruß an ecke

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