Popsoap 6 | Christoph Schneider Report
/// “Sein oder nicht Sein mit Robotron ’79”
Mein Herz schlägt schneller, meine Atmung dagegen stockt, mein Puls rast und meine Beine sind weich. Jeden einzelnen Satz war ich durchgegangen, jede Gesprächsituationen hatte ich geübt und auf jede Frage war ich vorbereitet. Die Stunde der Wahrheit rückte mit jeder Sekunde näher. Langsam wähle ich die Telefonnummer meiner Mutter. Null, Drei, Neun und so weiter und so fort. Der Schweiß perlt, mir ist sau heiß und ich bin nervös. Das Freizeichen erklingt. Verdammt, sie ist nicht etwa gerade beim Schwätzchen, welches zufällig den ganzen Sommer dauert, das Freizeichen erklingt ein zweites Mal, es wird eng für mich, beim dritten Mal überlege ich kurz einfach aufzulegen und so zu tun als hätte ich ihren Hilferuf nie bekommen, lasse es dann aber doch sein und merke wie sich langsam und grausam eine Schlinge um meinen Hals zuzieht. Als es zum vierten Mal tutet, stehe ich kurz vor einem Herzinfarkt und bin bereit, einfach umzufallen und liegen zu bleiben bis sich das Problem von selbst gelöst hat. Das Telefon klingelt noch zehn weitere Male bis ich dann schließlich selbst auflege. Ich beruhige mich und wickele das Telefonkabel meines grünen ’79er Robotrons mit neuner Wählscheibe von meinem Hals ab. Langsam begreife ich, dass es wohl schwer sein wird mit zwei gebrochenen Armen einen Telefonhörer in die Hand zu nehmen und dass sie mich wohl genau aus diesem Grund bei sich braucht.
Es ist ein bisschen wie ein zweites Mal Jugendweihe. Alles, was man an dem blöden Fest damals nicht gerafft hatte, fiel mir jetzt wie Schuppen von den Augen. Es ist nicht nur immer der Spaß, die Freude, die Party, die das Leben bedeuten, es gibt Pflichten und man hat gewisse Erwartungen zu erfüllen – „O Christoph“, wie sentimental und einfühlsam du bist, ein echter Herzensbrecher, aber mir war klar was zu tun ist.
Ich wühle mich durch meine Wohnung, sortiere Dreckwäsche von „Geht noch“ über „Muss unbedingt Deo ran“ bis „Ab in den Wäschekorb“, stapele kunstvoll den Abwasch in der Küche und räume allen möglichen Kram aus dem Sichtbereich. Danach setze ich mich an meinen Rechner und wähle mich bei Ebay ein. Schweren Herzens biete ich hier all meine Festivalkarten zum Kauf an. Anschließend surfe ich zur Mitfahrzentrale und mach mir einen mobilen Sitzplatz zu meiner Mutter klar. Bis dahin alles überhaupt kein Problem. Morgen Früh acht Uhr geht’s los. Ich öffne mir ein Bier und geselle mich auf meinen Balkon. Die Sonne scheint mir direkt ins Gesicht und mich überkommt das wohlige Gefühl ein solidarischer Superheld zu sein. Ich fühle mich als toller Typ, als Wohltäter, als Lady Di für meine Mutter. Zufrieden lehne ich mich zurück und genieße den Anblick der Sonne über dem Industrieviertel der Stadt.
Nachdem ich vier leere Bierflaschen neben mir vorfinde und mir gar nicht erklären kann, wer denn die anderen drei getrunken haben soll, raffe ich mich auf und bemerke, dass sich der Himmel im Laufe der Zeit leicht schwarz gefärbt hat. Es ist scheiße kalt geworden und ich habe einen leichten Schwips. Ich schwanke durch die Balkontür, ecke hier und da mal irgendwo an und falle auf mein Bett. Ich sehe, dass mein Rechner wie wild überall blinkt und mir scheinbar irgendetwas mitteilen will. „Sie haben Post“ heißt es. Leicht schielend versuche ich die Buchstaben, die da irgendwer in viele Wörter aneinander gereiht hat zu entziffern. Sich jetzt noch zu konzentrieren und Contenance zu bewahren ist Chefsache. Ich bin Chef und so vernehme ich, dass fast alle meine Festivalkarten per Sofortkauf weggegangen sind. Lediglich Sziget hinkt noch. Kriegen wir auch hin, denke ich und überlege mir, dass es wahrscheinlich eine gute Idee wäre, seine Sachen für die nächsten 3 Wochen schon jetzt zu packen. „Jetzt“ ist zwei Uhr siebenunddreißig und ich bin nicht mehr ganz im Vollbesitz meiner geistigen Kräfte. Ich packe also irgendwas zusammen, schnüre es oben zu und stelle es schon mal abfahrtbereit in meinen Flur. Ich selbst stelle mich noch schnell zum Zähneputzen ans Waschbecken und lege mich danach ins Bett. Bevor sich die Welt dann bis morgen früh ohne mich weiterdreht stelle ich mir noch kurz den Wecker und setze ein Lächeln in mein Gesicht. Dann verabschiede ich mich endgültig und schlafe ein.
Hier gehts zur 5. Episode
(joakim_e)

















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