Popsoap 8 | Christoph Schneider Report
// Trashtoys
Deprimiert schnalle ich mir meinen stummen Wegbegleiter auf den Rücken und schaue mich um! Der alte Bahnhof mit seiner roten Backsteinfassade und diesem grässlichen schwarzem Eingangstor, davor 2 Bushaltestellen von denen aus niemand mehr abfährt und links daneben der alte Springbrunnen mit der alten Skulptur von der ich bis heute nicht weiß, wer oder was das eigentlich ist. Es hatte sich wirklich nichts verändert. Gar nichts. Wie gewohnt trottete ich über das bunt sortierte Kopfsteinpflaster in Richtung Alte Markthalle. Kurz davor bog ich in den von mir eigens zur Abkürzung eingerichteten Trampelpfad ein, lief über die grüne Wiese des Stadtparks und erreichte die Straße in der ich groß geworden bin. Auch hier hatte sich scheinbar nichts verändert. Eine typische Ansammlung an praktisch orientierten Wohnblockhäusern, die sich eines nach dem anderen zu einem ganzen Straßestrich zusammen ketteten. Ich folgte den grauen Gehwegplatten bis ich vor der Haustür mit der Nummer 46 stand. Bis dahin gab es keinerlei nennenswerte Probleme. Gut, Susan hätte mir um den Hals fallen können und mir ihre grenzenlose Liebe gestehen können, aber naja. Da stand ich nun also schwer bepackt und bereit meinen zivilen Familiendienst anzutreten, eine Tür und eine Treppe weit entfernt von meiner zu pflegenden Mutter und wusste nicht wie ich die letzten beiden Hürden überspringen sollte. Sie konnte mir ja schlecht die Tür öffnen. Ich beschloss einfach mal zu klingeln und abzuwarten was passieren würde.
Die Haustür summte und im Erdgeschoss öffnete sich eine Tür aus der meine Mutter trat. Verblüfft begrüßte ich sie und musterte das Ausmaß der Katastrophe. Zwei millionenfach mit Verbandzeugs umwickelte, scheinbar einbetonierte Arme an jeder Schulter machten meiner Mutter das Leben schwer und mir schnell klar, wie notwendig meine Ankunft hier war. Sie lächelte und war sichtlich erleichtert, mich zu sehen. Ich herzte sie und betrat unsere alte Wohnung. Ein Hauch ist wohl akut untertrieben, nein eher ein ganzer Sturm Nostalgie kamen mir aus allen Ecken der Wohnung entgegen. Selbst die Schuhkommode, dich ich persönlich bereits vor meiner Geburt entsorgt hätte, stand noch genauso da wie früher. Der alte, leicht ausgeblichene Wandspiegel mit dem barocken Rahmen schmückte und prägte nach wie vor den langen Flur. Rechts ging es zu meinem alten Kinderzimmer, jetzt eher Ess- und Gästezimmer, dennoch genauso eingerichtet, zweite Tür rechts befand sich das Schlafzimmer und links befanden sich nach wie vor Küche, Bad und Wohnzimmer. Ich war erschüttert. Selbst die Gardinen waren die alten und wenn mich nicht alles täuscht sogar die Tischdecken. Zwei Fliegen jagten sich gegenseitig um die Küchenlampe, es roch alt, irgendwie muffelig. Ich bemerkte gar nicht wie meine Mutter krampfhaft versuchte die Wohnungstür zu schließen, ohne den lang gefestigten Hausfrieden zu stören, bis sie mich schließlich mit entnervter Stimme zu sich rief. Wir setzten uns in mein altes Kinderzimmer und ich berichtete ihr von der Fahrt mit Susan und erzählte ihr, was sich in der Druckerei alles getan hatte. Ihre Augen funkelten und ich merkte, dass sie froh war, dass ich da war. Ich bot ihr an, etwas zu kochen oder etwas im Haushalt zu helfen oder sonst etwas für sie zu erledigen. Sie lehnte ab.
Ich nutze die Zeit, um mich für die nächsten drei Wochen häuslich nieder zu lassen. Zurück zu den Wurzeln dachte ich mir, erschrak dennoch als ich im alten Bettkasten mein altes Spielzeug wieder fand. Ich beschäftigte mich einige Zeit mit dem alten Kram, probierte dies und das aus, testete auf Funktionstüchtigkeit und verlor auch recht schnell wieder die Lust daran. Mir wurde bewusst, dass es an mir lag, hier mal grundlegend einiges, wenn nicht gleich alles zu verändern. Voller Elan und Schaffenskraft füllte ich einen Müllsack nach dem anderen mit Teddybären, Spielzeugautos und Legosteinen. Meine Mutter beobachtete mein emsiges Aufräumen aus sicherer Entfernung vom Türrahmen aus und wurde zur Sympathisantin meiner Aktion. Sie schlug vor die Spielsachen der ortsansässigen Kindertagesstätte anzubieten. Ich räumte, packte und schnürte bis spät in die Nacht.
Am nächsten Morgen bereitete ich das Frühstück zu. Langsam wurde ich warm in meiner Rolle als Pfleger, Hausmann und Innendesigner und ganz ehrlich, es machte mir sogar Spaß. Nachdem ich mich und meine Mutter abgefrühstückt hatte, machte ich mich mit ihrem Renault Megane Cabrio und circa 10000 Müllsäcken voll Spielzeug auf den Weg zur Kindertagesstätte. Der Weg war mir bekannt, hatte sich ja nichts verändert und so fuhr ich direkt in die erste Reihe bei der Kita vor. Die Kinder standen alle am Zaun und bestaunten mein Cabrio, aus dem die Müllsäcke ragten. Im Moment als ich die Fahrertür öffnete, spürte ich ein wohliges, helfendes, ja fast schon solidarischen Gefühl in mir. Christoph Schneider, der Mann, der Allen hilft, der Mann mit großem Herz, der Mann, der auf ganzer Linie selbstlos ist, der Mann, der eines Tages die Statue auf dem Brunnen am Bahnhof ersetzt. Elegant und in vollkommener Siegerpose griff ich mir die ersten beiden Säcke vom Rücksitz des Cabrios. Die Kids guckten mich mit großen Augen an, ihre Neugier war sichtbar, sie kreischten, kicherten, liefen planlos umher, freuten sich und ich genoss meinen solidarischen Triumphzug. Ich ging an ihnen vorbei, hin zur Eingangstür des Hauptgebäudes. Mein Klopfen blieb unerhört und so betrat ich die Kita unaufgefordert. Drinnen standen überall kleine niedliche Stühle und putzige Tischchen und an der Wand war eine Anorakharkenleiste mit Namensschildern angebracht an der viele kleine Täschchen hingen. Der Raum war sehr aufgeräumt, die Kinder waren draußen zum Spielen und nur in der Küche waren Geräusche zu hören. Ich rückte die Säcke auf meinem Rücken zurecht und folgte meinem Gehör in einen unbeleuchteten Korridor. Am Ende des langen Ganges fiel Licht in den Flur ein. Dort musste die Küche sein. Mir war ein wenig mulmig zu Mute. Ich befürchtete, mit meinem gebrauchten Spielzeug nicht den Erfolg zu haben, den ich mir versprach und bei der gewünschten Abgabestelle nicht den Anklang zu finden, den ich mir erhoffte. Das Licht kam näher, dem zu Folge auch der Moment, an dem ich zum ewigen Helden oder aber in die Flucht geschlagen werden würde. Vorsichtig riskierte ich einen ersten Blick um die Ecke des Türrahmens, konnte aber niemanden sehen. Ich atmete noch einmal tief durch, redete mir ein, etwas Gutes zu tun und betrat todesmutig die Kitaküche. Am großen, Aluminium beschichteten Abwaschbecken stand mit dem Rücken zu mir eine junge blonde Frau. „Tschuldigung, ähm“ die junge blonde Frau drehte sich mit einer schwungvollen Drehung aus der Hüfte heraus zu mir um. Eine perfekt inszenierte Kopfbewegung bei der gleich drei Lockensträhnen auf einmal über die Schulter geworfen werden und ein Augenaufschlag, der Tote tanzen lässt versetzten mich in eine Art Menschenstarre. Erst der Blitz, dann der Donner. In dieser Situation traf mich beides und zwar gleichzeitig. Ich war komplett überwältigt, überrollt und besiegt von dieser wunderschönen jungen, blonden …………… Susan.
(joakim_e)

















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